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Kooperation mit Start-ups : Schlips trifft Sneakers

  • -Aktualisiert am

Deutschland braucht mehr Geschwindigkeit

Stihl hat das mit dem israelischen Start-up GreenIQ, einem Experten für das Internet der Dinge, so gemacht. Der schwäbische Motorsägenhersteller hatte sich an dem jungen Unternehmen aus Tel Aviv im Januar 2017 zu 35 Prozent beteiligt. Heraus kam der Entschluss, dass Stihl ins Geschäft mit elektrifizierten und digitalen Gartengeräten (Fachwort: Smart Garden) einsteigt. Dazu zählt nicht nur der Akku in der Heckenschere oder der Mährobotor. Das eigentliche Ziel ist eine digitale Schaltzentrale für den Garten, die zum Beispiel mit Hilfe von Wetterdaten aus dem Internet für die richtige Bewässerung sorgt. Ohne das israelische Start-up hätten die Stihl-Ingenieure vielleicht an der nächsten Kettensägen-Generation gefeilt. GreenIQ wiederum hat ein neues Einsatzfeld gefunden, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren.

Deutschland braucht mehr Geschwindigkeit, wenn es die digitale Transformation schaffen will. Gründer sind dynamisch und infiziert von der Vision, eigene Ideen zu verwirklichen. Sie gehen deshalb auch mal die sprichwörtliche Extrameile. Diesen Antrieb sollten etablierte Unternehmen nutzen und alles dafür tun, dass die Leidenschaft und das Tempo auf ihre Mitarbeiter überspringt. Man stelle sich ein Projektteam vor: die eine Hälfte in Berlin-Mitte oder Kalifornien in Shirt und Sneakers, die andere auf der Schwäbischen Alb mit Schlips und Kragen. Der Zusammenprall ist programmiert: Hier die 35-Stunden-Woche mit Stempelkarte, dort die erfolgshungrigen Unangepassten, die „the next big thing“ planen. Um diesen Zusammenstoß der Kulturen zu managen und Nutzen daraus zu ziehen, brauchen Unternehmensleitungen viel Fingerspitzengefühl. Das Denken in Strategien und Meilensteinen muss zurückstehen hinter der spielerischen Herangehensweise ohne ein messerscharf definiertes Ziel oder Produkt vor Augen. Angst davor ist unangebracht. Denn spielerisch und ergebnisoffen nach unbekannten Dingen zu suchen ist uns aus der Kindheit bekannt. Erst später lernen besonders wir Deutschen, in klaren Mustern zu denken und systematisch Entscheidungspunkte zu setzen.

Dies ist kein Plädoyer für unsystematisches Rumstochern. Auch ist nicht jede vermeintliche Innovation ein tragfähiges Geschäftsmodell. Man geht davon aus, dass rund 70 bis 80 Prozent der Start-ups innerhalb der ersten fünf Jahre scheitern. Deswegen muss die Devise lauten: „Fail fast, fail cheap!“ – frei übersetzt: „Scheitern ja, aber schnell und mit geringen Kosten“.

Die Zeit drängt

Etablierte Unternehmen sollten deshalb bestimmte Abschreibungen von vorneherein einkalkulieren oder ein Budget zum Experimentieren festlegen. Das kann durchaus bis zu fünf Prozent des Umsatzes betragen. Zugleich sollten sie die Zeit bis zum möglichen Scheitern einer Idee minimieren. Dazu bieten sich schnelle Feld- oder Praxistests mit Innovationen an, die erst ein Mindestmaß an Reife erreicht haben, sogenannte „minimal viable products“. In der Software heißen solche Produkte auch Beta-Versionen. Als Marke könnten sich Unternehmen die Frist von einem Jahr setzen. Dabei sollten Unternehmen zulassen, dass neue Ideen ihr bisheriges Geschäft schmälern. Besser, ein Unternehmen kannibalisiert sich selbst, als dass es ein Wettbewerber tut.

Die Zeit drängt. Eine repräsentative Umfrage aus diesem Jahr zeigt, dass nur 14 Prozent der deutschen Unternehmen mit Start-ups gemeinsam neue Produkte entwickeln, fast zwei Drittel arbeiten noch überhaupt nicht mit Gründern zusammen. Erst wenn sich das ändert, muss niemand mehr hierzulande Angst vor dem amerikanischen Silicon Valley haben.

Der Autor ist Professor an der TU München und leitet die Unternehmensberatung TCW in München. Er veranstaltet im März 2019 das 26. Münchner Management Kolloquium.

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