https://www.faz.net/-gqe-9ecqz

Arbeitswelt von morgen : Deutsche Unternehmen kriechen der Digitalisierung hinterher

Ein Pflegeroboter hilft einer Frau im Rollstuhl. Bild: dpa

Deutschland ist in vielen Bereichen Weltmarktführer – doch in der Digitalisierung fällt das Land immer weiter zurück. Zwei Start-up-Unternehmer erzählen von ihren Schwierigkeiten.

          2 Min.

          Eigentlich wissen die Deutschen, wie man Vorreiter wird – egal, ob es in der Fruchtgummi- oder der Autobranche ist. Trotzdem könnte Deutschland in Zukunft zurückfallen, denn in der Digitalisierung ist unser Land viel zu langsam – sagt Natalie Barkei vom Digitalverband Bitkom. Sie beschreibt den digitalen Fortschritt als eine exponentiell steigende Kurve, die Deutschland im Schneckentempo hinaufkriecht.

          Umso steiler die Kurve wird, desto schwerer wird es werden, andere Länder einzuholen. Das Hinterherkriechen erstreckt sich nicht nur aufs Privatleben – die Deutschen sind im EU-Vergleich sehr aktiv im Onlineshopping, aber kaum jemand kann programmieren –, sondern auch auf die Wirtschaft.

          Positionen wie diese hörte man am Mittwochabend viel auf der Diskussionsveranstaltung „Die Arbeitswelt von morgen“, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung zusammen mit dem Start-up-Wettbewerb Code-N durchführte. Es diskutierten der Gründer von Kauz, Thomas Rüdel, und der Marketingchef von i2x, Claudio Martay. Sie schilderten ihre Probleme mit konservativen Strukturen und potentiellen Kunden, die sich in ihren Augen viel zu langsam nach vorn bewegen.

          „Primär fragen sich Unternehmen, wie sie den Status quo erhalten können“

          „Leider beschäftigen sich die großen Unternehmen primär mit der Frage, wie sie den Status quo erhalten können, anstatt sich mal aus dem Tagesgeschäft herauszulösen und in die Zukunft zu schauen“, sagt Martay. Das erinnert an Ergebnisse einer aktuellen Studie der Universität Heidelberg, die zeigt, dass sich große Unternehmen in anderen Ländern wesentlich besser für die Zukunft gerüstet sehen, als ihre deutschen Kollegen.

          Martays Start-up i2x, das eine Analysesoftware für Kundentelefonate anbietet, kämpft entsprechend mit den Bedenken seiner potentiellen Kunden. Vor allem beim Thema Datensicherheit sind deutsche Unternehmen für Martays Geschmack zu misstrauisch. Von Unternehmen wünscht er sich außerdem in der Zusammenarbeit mit Start-ups deutlich mehr Risiko- und Investitionsbereitschaft.

          Erst automatisieren, dann regulieren

          Thomas Rüdel, Gründer von Kauz, ein Start-up, das Chatbots anbietet, sieht ähnliche Probleme. „Das private Risikokapital fehlt“, sagt er. Auch die Angst der Deutschen vor Künstlicher Intelligenz findet Rüdel „merkwürdig“. „Wir müssen hoffen, dass die Robotisierung weitergeht. Schließlich brauchen wir dringend Pflegeroboter“, sagt er. Um die Sicherheit könne man sich dann hinterher kümmern: „Gerade erleben wir eine Automatisierung, ich bin überzeugt, dass darauf eine Phase der Regulierung folgen wird“, sagt Rüdel. Sein Beispiel: Die dezentrale Absicherung der Blockchain.

          Neben fehlender Datensicherheit sehen viele aber noch ein anderes Problem in der Automatisierung – und zwar, dass menschliche Arbeitskraft nicht mehr gebraucht werde. Eine vielzitierte Studie der Universität Oxford kommt zu dem Schluss, dass etwa die Hälfte der Jobs in der westlichen Welt schon 2030 nicht mehr existieren könnte.

          Martay und Kauz können sich das nicht vorstellen. Kauz sagt: „Dass Berufe automatisierbar sind, heißt nicht, dass sie verschwinden werden.“ Er erinnert an Baristas und Fitnesstrainer – Berufe, in denen Maschinen die Arbeitsplätze für Menschen erst schaffen. Auch Martay ist optimistisch. Das langsame Mahlen der unternehmerischen Mühlen findet er viel gefährlicher. Der Bitkom hat kürzlich vermeldet, dass ein Viertel der Unternehmen noch nicht mal ihre Papierakten digitalisiert hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.