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Gegen Facebook & Co : Der Wettstreit um die Passwortmüden

  • Aktualisiert am

Mit dem Facebook-Login anderswo anmelden – das finden viele User bequem. Bild: AFP

Viele User greifen beim Anmelden auf einer App auf die Möglichkeit zurück, sich dort mit seiner Facebook- oder Google-Identität zu registrieren. Nun gibt es neue Konkurrenz – aus Deutschland.

          „Wollen Sie sich mit Ihrem Facebook-Account einloggen?“ – Viele Internetnutzer greifen beim Anmelden auf einer neuen Online-Verkaufsplattform oder einer App auf die Möglichkeit zurück, sich dort mit seiner Facebook- oder Google-Identität zu registrieren. So erspart man sich langwierige Einlogg-Prozeduren mit Benutzernamen und separatem Passwort, das man bis zum nächsten Einkauf sowieso vergessen hat. Diese so genannten Single-Sign-Ons (SSO) sind bisher fest in der Hand der großen amerikanischen Technologiekonzerne.

          Doch jetzt wollen deutsche Unternehmen gleich mit zwei eigenen Antworten aufwarten: In der zweiten Sommerhälfte will der Log-In-Dienst NetID an den Start gehen und Verimi will sein bisher auf die Deutsche Bank und Bundesdruckerei beschränktes Angebot deutlich ausbauen. Beide haben gleich mehrere Dax-Konzerne im Schlepptau.

          „Es ist extrem wichtig, dass der europäische Markt eine Alternative schafft. Denn mit jedem Log-In über Google und Facebook fließen die Daten eben auch zu Google und Facebook, die zudem auch noch die Bedingungen vorgeben“, sagt der Geschäftsführer von Web.de und GMX, Jan Oetjen. Der Vierzigjährige ist zugleich Vorsitzender des NetID-Stiftungsrats, den die rivalisierenden Fernsehsender ProSiebenSat.1 und RTL sowie die GMX-Muttergesellschaft United Internet gegründet haben. Zum Start will die NetID über die GMX- und Web.de-Emailkonten gleich auf 33 Millionen Nutzer kommen.

          „Technologisch abhängig“

          Die Daten-Allianz Verimi, zu deren Gesellschaftern namhafte Konzerne wie Lufthansa, Axel Springer oder Daimler gehören, geht einen Schritt weiter als NetID und will sich im Vergleich zu Facebook und Google neue Geschäftsfelder erobern. „Wenn Sie Ihre Identität bei Facebook hinterlegt haben, ist das keine verifizierte Identität“, sagt Verimis Finanzchef Torsten Sonntag. Diese bietet allerdings Verimi per Video oder über den modernen mit PIN ausgestatteten Personalausweis an und will damit auch Bankgeschäfte oder Behördengänge ermöglichen. Für Zugänge zu Bürgerportalen arbeiten die Berliner bereits mit zwei Bundesländern in einem Pilotprojekt zusammen.

          Laut dem Banking-Experten Julian Grigo vom Branchenverband Bitkom dürfte eine solche Form der Authentifizierung auch für Fintechs oder Crowdfunding-Plattformen spannend sein, „weil die verbreiteten Lösungen etwa von Facebook und Google nicht die notwendigen Anforderungen der Finanzaufsicht erfüllen, um beispielsweise ein Bankkonto zu eröffnen“. Diese Nische könnte von einem deutschen oder europäischen Anbieter besetzt werden. „Unternehmen brauchen überprüfte Identitäten ihrer Geschäftspartner und Kunden“, begründet eine Allianz-Sprecherin, warum Europas größter Versicherer in Kürze die Verimi-Dienstleistung zur Verfügung stellen will. Mit von der Partie sind bald Telekom und Axel Springer. „Wir bereiten derzeit die Anbindung unserer Portale von Bild und Welt vor, die wir in den nächsten Wochen mit Verimi verknüpfen wollen“, sagt ein Firmensprecher des Verlagshauses.

          Alle Beteiligten scheinen nun aufs Gas zu drücken, um das verstärkte Interesse am Umgang mit persönlichen Informationen seit der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung zu nutzen. „Single Sign-On(SSO)-Lösungen werden durch die DSGVO zunehmen und sich stärker verbreiten“, ist sich Oetjen sicher, da alle Seiten nun gezwungen seien, die Einwilligung des Kunden für alle Formen der Datennutzung einzuholen. Entsprechendes Interesse scheint die Wirtschaft zu haben. Inzwischen verhandelt Oetjen mit mehr als 60 Unternehmen über eine NetID-Integration. Auch Verimi spricht mit möglichen weiteren Partnern.

          Auch die Werbebranche dürfte ein Auge auf die NetID geworfen haben. „In der Werbeindustrie hat es anlässlich der Einführung der DSGVO gewaltig gebrodelt, wegen des Versuchs der amerikanischen Plattformen, dem Markt ihre Regeln aufzudrücken“, sagt Oetjen. „Da haben viele noch einmal gemerkt, was technologische Abhängigkeit bedeutet.“

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