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Datenskandal-Kommentar : Facebook ohne Freunde

Facebook steckt gerade in der vielleicht größten Krise seiner bisherigen Geschichte. Bild: Reuters

Die Deutschen misstrauen den großen Tech-Konzernen. Das reicht. Neue Gesetze könnten zum Problem werden.

          Eine Woche ist Facebooks jüngster Datenskandal jetzt alt, und die Aufregung ist groß – dabei hat die Welt gar nicht viel Neues erfahren. Das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica hat sich Daten von Facebook-Nutzern verschafft und sie im amerikanischen Wahlkampf verwendet. Das Unternehmen habe psychologische Profile der Nutzer ermittelt, ihnen maßgeschneiderte politische Botschaften gezeigt und Trump zum Wahlsieg verholfen, brüstet sich Cambridge Analytica selbst. Aber das ist schon seit Monaten bekannt. Und ob die Technik der Firma tatsächlich etwas bewirkte, ist immer noch zweifelhaft. Der einzige Beleg dafür sind ihre eigenen Marketing-Präsentationen. Die Neuigkeit der vergangenen Woche war vor allem, dass das Unternehmen bei seiner Datensammelei möglicherweise gegen Facebooks Regeln verstieß, Facebook das aber nur lasch ahndete.

          Dass die Affäre sich zu so einem Skandal ausgewachsen hat, liegt daran, dass der Ruf der großen Internetkonzerne sowieso ruiniert ist, vor allem der von Facebook. Nach einer Umfrage hat die Hälfte der deutschen Nutzer schon einmal darüber nachgedacht, sich von sozialen Netzwerken wieder abzumelden. Die Menschen würden nicht eine Minute an diesen Gedanken verschwenden, wenn sie nicht schon seit längerer Zeit unzufrieden wären.

          Die Deutschen schützen sich heute schon

          Seit Jahren hören die Nutzer, was für ein Datenkrake Facebook ist und dass man nicht überblicken kann, wofür die erhobenen Daten verwendet werden. Viele haben daraus die Konsequenz gezogen, nicht mehr ihren vollen Namen anzugeben. Mancher lässt sein Konto brachliegen. Andere schreiben nur noch Dinge, die vollkommen unverfänglich sind. Das betrifft auch den Nachrichtendienst Whatsapp, der zu Facebook gehört. Manche Eltern achten darauf, dass keine Fotos ihrer Kinder über die App verschickt werden. In Amerika scheint Facebook sogar erstmals auf dem Werbemarkt zu schwächeln. Die Zahl der Nutzer stagniert seit Monaten. Das Misstrauen ist so groß geworden, dass es dafür schon ein eigenes Wort gibt: „Techlash“.

          Die Affäre um Cambridge Analytica verbindet den Datenschutz mit dem anderen großen Problem Facebooks: Trump. Seinetwegen haben das Netzwerk und seine Konkurrenten vor allem ihre besten Freunde verloren – die Technik-Fans, die sich Mitte März auf dem Digitalfestival „South by Southwest“ in Austin versammelten. Dieses progressive Milieu hatte kein Problem damit, als Obama Facebook vor vier Jahren für seine Wahlkampagne nutzte. Aber dass russische Fake News auf Facebook eine Rolle beim Aufstieg Trumps spielten, verzeihen sie dem Netzwerk nicht – ebenso wenig, dass Youtube politisch extreme Videos zeigt und dass auf Twitter Hassparolen gegen Londons muslimischen Bürgermeister Sadiq Khan verbreitet werden.

          Auch Khan trat auf dem Digitalfestival auf, verpasste der versammelten Tech-Gemeinde eine Standpauke und wurde dafür mit langem Applaus bedacht. Khan drohte den Unternehmen damit, Regeln wie das umstrittene deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz auch in anderen Ländern einzuführen. In Deutschland hatte das Gesetz noch eine Zensurdebatte hervorgerufen – in Amerika sorgte Khans Rede für interessierte Fragen an die Deutschen, wie man das hierzulande mit der Internetregulierung denn genau mache.

          Die Lage ist gefährlich: Für Facebook und für den Westen

          Für Facebook ist das eine gefährliche Entwicklung. Den Aktionären ist das nicht entgangen. Der Kurs des Unternehmens hat in der vergangenen Woche rund ein Siebtel verloren. Auch der Firmengründer Mark Zuckerberg musste reagieren: Er denkt öffentlich darüber nach, ob Regulierung nicht doch gut wäre. Wenn der Chef auf Gesetze hoffen muss, um das Vertrauen seiner Kunden zurückzugewinnen, dann steht es schlecht um ein Unternehmen.

          Eigentlich sind die Gesetze heute schon recht umfassend, zumindest was den Datenschutz angeht. Was Cambridge Analytica getan hat, war nicht erlaubt. Facebook hat das Gebaren seines Geschäftspartners nicht richtig kontrolliert. Doch es sind schon Regelungen erlassen worden, die in solchen Fällen Wirkung zeigen sollen. Von Ende Mai an greift die neue europäische Datenschutz-Grundverordnung. Sie sieht heftigere Strafen als heute vor, wenn Unternehmen den Datenschutz nicht ordentlich durchsetzen. Sie gilt auch für Facebook und Co. Allerdings bringt sie auch die halbe europäische Unternehmenswelt durcheinander, weil überall Techniker und Datenschutzbeauftragte damit beschäftigt sind, die vielen Regeln der Verordnung zu erfüllen. Sie hat mehr als 50.000 Wörter.

          Das ist keine gute Ausgangslage für eine Debatte. Neue Regeln sind schon beschlossen, aber noch nicht in Kraft. Politik und Öffentlichkeit sind verärgert, Gegenargumente haben es da schwer. In solchen Situationen werden manchmal die größten Fehler gemacht. Europa steht längst nicht mehr nur mit Amerika im Wettlauf um die digitale Zukunft, sondern auch mit China. Wer jetzt ohne Nachdenken die Fesseln der Regulierung noch enger schnürt, der läuft Gefahr, die neue digitale Technik insgesamt unbeweglich zu machen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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