https://www.faz.net/-gqe-9qly3

Delivery Hero-Chef Porträt : Der Lieferheld

Östberg in den Räumen seines Unternehmens Bild: Andreas Pein

Niklas Östberg will uns mit dem Bringdienst Delivery Hero das Kochen abgewöhnen. Doch das ist ihm nicht genug. Jetzt steigt er auch noch in den Handel mit Blumen, Pillen und Lebensmittel ein.

          7 Min.

          Niklas Östberg hat Hunger und wie so oft keine Zeit, um ins Restaurant zu gehen, geschweige denn selbst zu kochen. Dafür sind die Tage des Jungunternehmers zu eng getaktet. Also macht der hochgewachsene, hagere Schwede, 39, was er am besten kann: Er zückt sein Smartphone, wählt auf der App einen Vietnamesen aus und lässt sich sein Mittagessen ins Berliner Büro liefern.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Niemand ist darin routinierter als Östberg, der „Delivery Hero“ gegründet hat, einen der größten Online-Essenslieferanten der Welt. Seine Flotten bringen egal was, egal wohin, egal wie - ob Pizza, Curry oder Sushi, ob in Stockholm, Kuweit oder Hongkong, ob per Rad, Tuk-Tuk oder Elektroroller. Sie stillen den Hunger von Millionen hungriger Städter. Und das ist erst der Anfang, wenn es nach Östberg geht. „In zehn Jahren ist es viel billiger, gesünder und leckerer, sich Essen kommen zu lassen, als selbst zu kochen“, prophezeit er kühn. „Kochen ist dann nur noch ein Hobby.“ Wer keine Lust darauf hat, holt sich professionelle Hilfe wie beim Putzen oder Wäschewaschen.

          Das Kochen wird outgesourced, glaubt man dem Schweden, der die Nummer eins unter den Essens-Plattformen dieser Welt werden will. Große Visionen sind notwendige Zutaten, um als Gründer die Welt aus den Angeln zu heben. Ob am Ende alles so kommt, ob die Menschen nicht doch lieber zu Hause frisch zubereiten, was sie zuvor selbst ausgesucht und eingekauft haben, wird sich zeigen. Der Liefer-Markt ist auf jeden Fall sehr lukrativ und dementsprechend heiß umkämpft. Im Moment beginnt die Auslese: Kleine und mittlere Unternehmen werden reihenweise von den großen Lieferdiensten aufgekauft.

          „Nach dem Motto: the winner takes it all“

          Gerade haben zwei von Östbergs Konkurrenten, der niederländische Anbieter Takeaway (hierzulande bekannt als Lieferando) und die britische Plattform "Just Eat", ihren Zusammenschluss verkündet, um den größten Lieferdienst Europas zu formen. Investoren pumpen Milliarden in das Geschäft. Dabei ist alles, was Rang und Namen hat, von den Internetgiganten Amazon, Alibaba und Uber bis zum japanischen Softbank-Konzern, der sich anschickt, eine globale Essensliefer-Marke zusammenzukaufen.

          Am Ende wird wohl nur eine Handvoll globaler Spieler übrigbleiben, welche die Welt unter sich aufteilen. Delivery Hero könnte einer von ihnen sein. Viele Investoren trauen Östberg das zumindest zu. Christophe Maire, einer der Veteranen in der Berliner Gründerszene, hält den Schweden für "einen der besten Digital-CEOs". Seine Firma habe das Zeug, eine der ganz großen Plattformen zu werden. „Nach dem Motto: the winner takes it all.“

          Ohne Frage gehört Delivery Hero neben Zalando, der Gebrauchtwagen-App Auto 1 und der Handy-Bank N26 zu der Handvoll deutscher Vorzeige-Start-ups, die das Potential haben, sich international durchzusetzen. Östbergs Firma ist schon lange keine Klitsche mehr. Seit dem Börsengang vor zwei Jahren hat sich der Aktienkurs von Delivery Hero verdoppelt, die Lieferhelden mit ihren Radlern sind heute mehr wert als die Lufthansa mit all ihren Fliegern. Und doppelt so viel wie Rocket Internet, die berühmte Internetholding von Oliver Samwer. Offenbar glaubt die Börse an Östberg, glaubt an seinen Bringdienst.

          Im edlen Soho House fing alles an

          Das Geschäftsmodell von Delivery Hero ist schnell erklärt: Über eine App können Kunden aus Hunderten von Restaurants und Menüs auswählen und sich das Essen nach Hause liefern lassen. Bezahlt wird über die App, der Bringdienst erhält eine Provision. Wenn die eigenen Mitarbeiter die Ware ausfahren, beträgt sie 30 Prozent, wenn das Restaurant liefert, sind es etwa zehn Prozent.

          Erfunden in Berlin, hat sich der Schwerpunkt von Östbergs Geschäft verschoben, die Hochburgen liegen heute im Nahen und Mittleren Osten, in Asien und Südamerika. Er ist der Spezialist für Schwellenländer, seit er sich aus Europa verabschiedet hat; einzig in Skandinavien ist er noch am Start. In Europa hat jetzt der Takeaway-Just-Eat-Konzern das Sagen. Östberg hat ihm sein Deutschland-Geschäft mit den Marken Foodora, Pizza.de und Lieferhelden vor einem halben Jahr verkauft. Schweren Herzens, schließlich steht die Konzernzentrale in Berlin.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Unsere Sprinter-Autorin: Jessica von Blazekovic

          F.A.Z.-Sprinter : Anschnallen, bitte!

          Während sich Großbritannien auf einen Showdown vorbereitet, geht das dramatische Kräftemessen zwischen dem türkischen Militär und der kurdischen Miliz YPG weiter. In Deutschland stehen die Zeichen auf Abschwung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.