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Künstliche Intelligenz : KI-Rundumschlag in Buchform

Eine Skulptur des Künstlers Muharrem Batman im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn Bild: dpa

Es gibt viele gute Gründe, das Buch „Künstliche Intelligenz – Mit Algorithmen zum wirtschaftlichen Erfolg“ zu lesen. Dass es kein dickes Standardwerk geworden ist, ist einer davon.

          Dieses Buch birgt ein paar Überraschungen und einige handfeste Tipps. „Künstliche Intelligenz – Mit Algorithmen zum wirtschaftlichen Erfolg“ ist kein dickes Standardwerk geworden, sondern eine solide Bestandsaufnahme eines sehr dynamischen Prozesses hin zur immer intelligenteren Nutzung von Daten. Es ist gut dazu geeignet, die neuen Technologien und Anwendungspotentiale der Künstlichen Intelligenz besser zu verstehen und einzuordnen, und richtet sich dabei an Entscheider in Unternehmen und Studierende oder Dozenten an Universitäten gleichermaßen.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Die Herausgeber, der Darmstädter Wirtschaftsinformatiker Peter Buxmann und Holger Schmidt, ein Digitalisierungsfachmann und ehemaliger Wirtschaftsredakteur dieser Zeitung, haben dafür Beiträge verfasst, die grundlegende Kenntnisse und ökonomische Effekte der Künstlichen Intelligenz vermitteln sollen. Das Buch enthält zudem Anwendungsbeispiele bekannter Unternehmen: Amazon, IBM, Microsoft, SAP oder VW lassen die Leser in ihre KI-Labore schauen und erklären konkrete Projekte zu Themen wie Chatbots, Quantencomputing, Gesichtserkennung, sprachbasierte Systeme oder den Einsatz von KI-Anwendungen in den Bereichen Marketing, Vertrieb, Finanzen, Personalwesen, Produktion, Gesundheit sowie Logistik.

          Dabei werden zum einen die großen Möglichkeiten deutlich, die in KI stecken, aber auch, wie viele Weichen noch gestellt werden können, wie sehr die Entwicklung noch immer in den Kinderschuhen steckt – und mit wie vielen Risiken sie verbunden ist. Die Herausgeber sind aber hoffnungsvoll. Wenn es gelinge, diese Risiken einzudämmen, könne Künstliche Intelligenz einen großartigen Beitrag für die Gesellschaft leisten und der digitalen Ökonomie einen Wachstums- und Produktivitätsschub geben. Aus ökonomischer Sicht lautet die Frage, ob Deutschland von dieser digitalen Entwicklung mehr profitiert als bisher. Denn die erste Welle der Digitalisierung, vor allem verbunden mit Social Media oder Cloud Computing, habe Deutschland einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsnachteil in der digitalen Ökonomie gebracht.

          Keine Wachstumsgrenze

          Die wichtige Aufgabe, mit Hilfe der Technologie neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, hätten andere Länder besser erfüllt. Die Folge: In der Acatech/BDI-Rangliste der digitalen Wettbewerbsfähigkeit erreiche Deutschland nur noch Platz 17 in der Welt. Weil Technologien oft zu langsam eingeführt und zu selten mit der strategischen Ebene und damit neuen digitalen Geschäftsmodellen verknüpft würden, dominierten in den Konsumentenmärkten heute vor allem Unternehmen aus den Vereinigten Staaten und China die digitale Wertschöpfung. Unternehmen wie Apple, Alibaba, Tencent oder Baidu besäßen deshalb inzwischen genügend Finanzkraft, um in der nächsten Welle der Digitalisierung stärker als europäische Unternehmen in Künstliche Intelligenz investieren zu können.

          In Asien hätten schon 15 Prozent und in Amerika 12 Prozent der Unternehmen KI-Algorithmen im Einsatz. In Deutschland betrage dieser Wert nach Zahlen der Unternehmensberatung McKinsey dagegen nur 7, im europäischen Durchschnitt liege der Wert bei 5 Prozent. Dass Asien und hier vor allem China an der Spitze liegen, ist nach Ansicht der Herausgeber zudem das Ergebnis einer Industriepolitik. Auch das wertvollste KI-Start-up der Welt komme inzwischen aus China. SenseTime hat 600 Millionen Dollar Risikokapital von Alibaba und anderen Investoren erhalten, was die Bewertung auf 3 Milliarden Dollar erhöht hat. Das dürfte für manchen Leser eine Überraschung sein.

          Wie ernst den Anbietern der Wettbewerb um die Marktführerschaft im Bereich Künstliche Intelligenz sei, zeigten auch ihre Open-Source-Strategien. Google habe die Software „Tensor Flow“ unter einer Open-Source-Lizenz kostenlos für Nutzer verfügbar gemacht. Dem seien sowohl Microsoft als auch Facebook unmittelbar gefolgt. Die Zielsetzungen und die Strategien dieser Unternehmen seien klar, heißt es: Es gehe darum, sich Marktanteile zu sichern. Google war mit dieser Open-Source-Strategie übrigens vor ein paar Jahren schon mit dem Betriebssystem Android sehr erfolgreich.

          Die Gründe für Europas Rückstand sind vielfältig: Man ist zu risikoavers, Daten werden zu wenig genutzt. Der Rückstand hat inzwischen die Politik alarmiert. Auch die EU-Kommission plant, die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz künftig massiv voranzutreiben. So sollen bis zum Jahr 2020 mindestens 20 Milliarden Euro aus privater und öffentlicher Hand in die neuen Technologien investiert werden. Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen sollen dabei Unterstützung bekommen. Europa muss in Fragen der Künstlichen Intelligenz Gas geben. Dazu kann das Buch seinen Beitrag leisten. Und es endet zum Glück mit einem letzten hoffnungsvollen Tipp, nämlich der Empfehlung, einmal deepl.com auszuprobieren, eine deutsche Übersetzungssoftware, die mit KI-Methoden arbeitet – und nach Meinung vieler Fachleute bessere Ergebnisse liefert als amerikanische Angebote.

          Warum man das Buch auch noch lesen sollte? Weil die Menge nutzbarer Daten und die Rechenleistung auf absehbare Zeit weiter schnell wachsen werden, unterliegt die Künstliche Intelligenz nach Ansicht der Herausgeber in den kommenden Jahren keiner erkennbaren technischen Wachstumsgrenze. Und von welcher aktuellen Entwicklung lässt sich das sonst schon behaupten? Im täglichen Leben der Menschen wirkt die Künstliche Intelligenz meist unbemerkt im Hintergrund, zum Beispiel mit hilfreichen Tipps auf dem Handy. In den Unternehmen aber könnte diese Technologie eine ähnlich zentrale Bedeutung bekommen wie die Dampfmaschine oder die Elektrizität in früheren industriellen Revolutionen. Sich auszukennen dürfte sich auszahlen – bis hin zur weiteren beruflichen Karriere.

          Peter Buxmann/Holger Schmidt (Hrsg.): Künstliche Intelligenz – Mit Algorithmen zum wirtschaftlichen Erfolg. Springer Gabler Verlag, Berlin 2018, 206 Seiten, 34,99 Euro

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