https://www.faz.net/-gqe-989oa

Whistleblower Wylie : „Ich war ein neugieriger und naiver Dreiundzwanzigjähriger“

War einer der Architekten von Cambridge Analytica: Christopher Wylie. Bild: ANDREW TESTA/The New York Times/

Er war einer der Architekten von Cambridge Analytica, jenem britischen Softwarehaus, das sich Facebook-Profile auf unzulässige Weise besorgt und für Trumps Wahlkampf analysiert haben soll. Heute bereut Christopher Wylie die Unterstützung des amerikanischen Präsidenten.

          3 Min.

          Christopher Wylie hat ein schlechtes Gewissen. „Ich war ein neugieriger und naiver Dreiundzwanzigjähriger“ sagt er über seine Rolle als einer der Architekten von Cambridge Analytica, dem auf Datenanalyse und -verwertung spezialisierten britischen Softwarehaus, das als Berater von Donald Trump im jüngsten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf bekannt wurde. Das Unternehmen geriet am Wochenende durch Berichte in der „New York Times“ und im britischen „Observer“ ins Zwielicht. In ihnen hieß es, es habe sich auf unzulässige Weise Daten von 50 Millionen Nutzern des sozialen Netzwerks Facebook beschafft. Am Montag fiel die Aktie des Unternehmens um acht Prozent.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Denn die Berichte brachten nicht nur Cambridge Analytica in Erklärungsnot, sie sind auch ein weiteres Beispiel dafür, wie Facebook instrumentalisiert wurde, um Menschen zu manipulieren. Wylie, der Cambridge Analytica Ende 2014 verlassen hat, ist die Quelle für diese Enthüllungen, er ist also ein „Whistleblower“. Mit Blick auf seinen früheren Arbeitgeber sagt er: „Ich bedaure es jeden Tag, wenn ich sehe, wohin sich die Welt mit ihrer Hilfe bewegt hat. Ich muss Wiedergutmachung leisten, und deswegen gehe ich an die Öffentlichkeit.“ Facebook ließ sich von diesen vermeintlich wohlmeinenden Absichten indessen nicht beeindrucken. Das Unternehmen kündigte am Wochenende an, nicht nur Cambridge Analytica von dem sozialen Netzwerk zu suspendieren, sondern auch Wylie selbst.

          Wylie, der heute 28 Jahre alt ist und mit seiner pinkfarbenen Frisur auffällt, beschrieb sich selbst gegenüber dem „Observer“ als „der schwule kanadische Veganer“, der sich irgendwie in der Position wiederfand, „Steve Bannons Manipulationswerkzeug für psychologische Kriegsführung“ zu schaffen. Bannon, der sich einst einen Namen als führender Kopf der rechten Krawallpublikation „Breitbart News“ machte und dann zu einem der engsten Berater von Trump wurde, spielte auch eine zentrale Rolle bei der Gründung von Cambridge Analytica und gab dem Unternehmen sogar seinen Namen. Und er stellte den Kontakt zum Unternehmer Robert Mercer her, der einen zweistelligen Millionenbetrag in das Softwarehaus investierte und später Trump im Wahlkampf unterstützte.

          Cambridge Analytica rühmt sich heute selbst, für Trumps Wahlsieg mitverantwortlich gewesen zu sein, indem auf Basis von Datenanalyse „gezielte Botschaften“ an Wähler geschickt worden seien. Die Berichte legen nun aber die Vermutung nahe, dass sich das Unternehmen seine Daten auf fragwürdige Weise von Facebook verschafft hat. Wylie sagt, Cambridge Analytica sei nicht einfach nur ein Spezialist für Datenanalyse, sondern eine „Propagandamaschine mit umfassendem Service“. Die Methoden des Unternehmens seien „grob unethisch“. Es nutze die Schwächen von Menschen aus, um Wahlen zu gewinnen und Geld zu verdienen. „Man spielt mit der Psychologie eines ganzen Landes.“

          Auch Facebook kommt in Wylies Erzählungen nicht besonders gut weg. Daten des sozialen Netzwerks seien das Fundament von Cambridge Analytica und die Basis für seine Algorithmen gewesen. Es habe einen Millionenbetrag dafür ausgegeben, um sich Daten von Millionen von Facebook-Nutzern zu beschaffen. „Wir haben Facebook kaputt gemacht,“ sagt Wylie. Er wirft dem Unternehmen auch vor, untätig geblieben zu sein. Facebook habe gesehen, dass Daten gesammelt worden seien, und das Unternehmen habe „null Anstrengungen“ unternommen, diese Informationen zurückzubekommen.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Wylie hätte wahrscheinlich früher selbst nicht gedacht, dass er jemals eine so zentrale Figur in einer Geschichte werden würde, die zugleich politisch brisant und technisch hochkomplex ist. Wie der „Observer“ schreibt, wuchs er in der kanadischen Provinz British Columbia auf, und als Teenager wurden bei ihm Aufmerksamkeits- und Lesestörungen diagnostiziert. Er verließ die Schule ohne jede Qualifikation im Alter von 16 Jahren. Als er 19 war, brachte er sich selbst das Programmieren bei, und ein Jahr später ging er nach London, um Jura zu studieren. Nach seinem Studienabschluss begann er mit seiner Doktorarbeit, die sich mit Prognosemodellen in der Modeindustrie befasste. Nebenbei beschäftigte er sich auch mit Politik. Darüber kam er mit dem Unternehmen in Berührung, aus dem Cambridge Analytica hervorgehen sollte. Dort überzeugte er Bannon mit seiner Argumentation, dass es zwischen Politik und Mode viele Parallelen gebe. „Trump ist im Prinzip wie ein Paar Uggs oder Crocs. Also wie kommt man von einem Punkt, wo die Leute denken: ,Ah, total hässlich‘ dazu, dass jeder sie trägt?“

          Dass Wylie nun an die Öffentlichkeit geht, birgt für ihn Risiken. Dem „Observer“ zufolge hat er Stillschweige-Vereinbarungen unterschrieben, könnte also verklagt werden. Aber ihn plagen nun offenbar Schuldgefühle. Freunde von ihm sagen, Cambridge Analytica sei sein „Frankenstein“, und er habe früher nicht an die Konsequenzen gedacht. Er will jetzt nicht nur seinen früheren Arbeitgeber an den Pranger stellen, sondern verbindet mit seinen Enthüllungen auch den Appell an die Menschen, ihren Umgang mit sozialen Netzwerken zu überdenken. „Ich bin nicht hier, um die Leute zu alarmieren, sondern um jedem zu helfen zu realisieren, welche Macht wir alle haben, um die Kontrolle über unser Online-Leben in unsere eigene Hand zu nehmen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.