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Eigene Innovationen : China, Reich der Ideen

Vor fünf Jahren kannte Huawei außerhalb Chinas so gut wie niemand. Heute ist der Konzern der drittgrößte Handy-Hersteller. Bild: ddp Images

Bisher haben die Chinesen nur kopiert. Jetzt versuchen sie es mit eigenen Innovationen. Könnte die Weltwirtschaft bald aus dem Reich der Mitte heraus regiert werden?

          Der Raum, in dem sich für China das Rennen um die Zukunft entscheiden soll, ist gut bewacht. Ein Sicherheitsmann steht vor der Tür, drinnen sind die Fenster abgedunkelt. Es herrscht striktes Fotografierverbot, der Reporter musste eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Nichts soll verraten werden über das Wundergerät, das ein Mann mit weißen Handschuhen beim Elektronikkonzern Huawei in der südchinesischen Technik-Metropole Shenzhen aus einem mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Kasten hervorholt. Unspektakulär sieht er aus, Chinas Hoffnungsträger, den Huawei am Montag in München präsentiert hat und damit Apples iPhone X zu Elektroschrott degradieren will. „Dies ist kein Smartphone“, werben die Chinesen für das „Mate 10“. „Dies ist eine intelligente Maschine.“

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Der Grund, warum Huaweis Gerät besser sein soll als das iPhone, liegt unter dem riesigen Bildschirm versteckt: das Herz des Computers, der Chip, soll schneller schlagen als der des Wettbewerbers, viel schneller. „Sssssuuperschnell“, sagt Richard Yu, Smartphone-Chef, und wiederholt: „Ssssuuuperschnell!“ Die Geschwindigkeit des Prozessors ist entscheidend für Anwendungen mit künstlicher Intelligenz, die Technik der Zukunft, in der die Maschinen denken und lernen sollen wie der Mensch. Sind die Apps entwickelt, könnte Huaweis Gerät in der Theorie simultan übersetzen, wenn sich ein Deutscher und ein Chinese in ihren Muttersprachen unterhalten wollen. Es könnte auch sein, so viel darf bei aller Verschwiegenheit gemutmaßt werden, dass die Kamera des Telefons selbständig Hindernisse erkennt und seinen Besitzer vor dem Laternenpfahl warnt, auf den er, den Blick fest auf den Bildschirm seines Telefons geheftet, geradewegs zuläuft. Aus Sicht Chinas ist das spektakulär, denn das Land wird nach wie vor nicht mit Innovationskraft verbunden, sondern hat eher den Ruf einer gigantischen Fälscherwerkstatt.

          2007 hatte Apple-Gründer Steve Jobs in San Francisco mit den Worten, hier komme eine „Revolution, die alles ändert“, das erste iPhone vorgestellt. Zwei Jahre später war das Schmuckstück auch in China erhältlich und produzierte bizarre Meldungen: Student Wang bot in Schanghai vor dem Campus auf einem Schild für 500 Yuan seine Freundin zur Miete, um sich das iPhone 6 leisten zu können. Für das Nachfolgemodell 6s offerierte Herr Wu aus der Provinz Jiangsu seine Niere. Anfang des Jahrzehnts beherrschte Apple den Markt für luxuriöse Smartphones, die Billig-Varianten lieferten Samsung aus Südkorea und Nokia aus Finnland. Der Anteil der Hersteller Huawei und ZTE aus Shenzhen in China war nicht der Rede wert, auf Messen galten die Chinesen als Freaks. Selbst vor fünf Jahren kannte Huawei außerhalb des Landes kaum jemand. Der Konzern aus Shenzhen hatte zwar rund um den Globus die Mobilfunknetze errichtet. Doch als Marke, die die Menschen in die Läden trieb, war der Name nicht existent. Und Shenzhen, die Stadt an der Grenze zu Hongkong, war bis 1980 ein Fischerdorf, bis Maos Nachfolger Deng Xiaoping es zum ersten Experimentierlabor des Kapitalismus machte. Heute ist die Stadt übersät mit Wolkenkratzern, in denen die Wohnungspreise mit New York mithalten.

          Neuer Unternehmergeist gefordert

          Chinas rasanter Aufstieg löst Bewunderung und Sorge aus: Wird die Weltwirtschaft bald aus dem Reich der Mitte heraus regiert, das im alten Kaiserreich diesen Namen trug, weil sich das Volk, das das Papier und das Schießpulver erfunden hatte, als Zentrum allen Lebens sah? Dafür wären Innovationen nötig.

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