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Messe CES : Innovationsschau mit politischer Note

Techniker bauen einen Google-Stand in Las Vegas auf. Bild: Reuters

Die Elektronikbranche trifft sich ab Dienstag auf der Messe CES in Las Vegas. Diesmal wird es auch nachdenkliche Töne geben – und ein paar zugkräftige neue Namen. Überschattet wird die Messe allerdings auch von Morddrohungen.

          Die Elektronikmesse CES in Las Vegas versteht sich als Schauplatz für bahnbrechende technische Innovationen. Politische Diskussionen fanden hier üblicherweise allenfalls am Rande statt. Das war noch im vergangenen Jahr so, als die Veranstaltung zwischen Donald Trumps Wahl zum amerikanischen Präsidenten und dessen Amtsantritt fiel. Das Wahlergebnis hat für die Technologiebranche die unangenehme Frage aufgeworfen, ob sie sich womöglich von der breiten Masse der Amerikaner zu sehr entkoppelt hat. Trumps Botschaft richtete sich gerade nicht an die digitale Elite, die sich Jahr für Jahr in Las Vegas versammelt, sondern an Menschen, denen der Fortschritt Angst macht, den die Branche propagiert. Zum Beispiel weil sie fürchten, er könnte auf Kosten vieler Arbeitsplätze in traditionellen Industrien gehen. Von Grundsatzdebatten über solche Themen war aber noch bei der jüngsten CES wenig zu spüren, und es schien weitgehend „Business as usual“ zu herrschen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Das wird während der Neuauflage der Messe, die am Dienstag (9. Januar) beginnt, anders sein. Diesmal nehmen politische Themen breiten Raum ein. Dabei geben sich die Messeveranstalter offenbar große Mühe, einen neutralen Eindruck zu erwecken und allen Seiten eine Plattform zu bieten. Mehr als ein Dutzend Vertreter der amerikanischen Regierung sollen vor Ort sein. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Programmpunkte, die sich nach klarer Abgrenzung von Trumps Politik anhören. Darunter ist eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Wie Einwanderer Erfolg in der Technologiebranche vorantreiben“ – was sich als offene Distanzierung verstehen lässt von Trumps Versuchen, Einwanderung in Amerika zu erschweren. Auf diesem und anderen Gebieten wie Freihandel oder Klimawandel ist die Technologiebranche weit von den Positionen des Präsidenten entfernt.

          Zündstoff aus Washington erwartet

          Aus Trumps Kabinett wird in Las Vegas Verkehrsministerin Elaine Chao Flagge zeigen. Sie soll unter anderem an einer Diskussion über Verkehrskonzepte der Zukunft teilnehmen. Sie ist die ranghöchste Vertreterin der Regierung auf der CES. Noch mehr Zündstoff hätte eigentlich in einer Veranstaltung mit Ajit Pai, dem Vorsitzenden den amerikanischen Telekommunikationsbehörde FCC, stecken sollen. Anders als geplant wird dieser allerdings nicht nach Las Vegas reisen. Medienberichten zufolge hat das mit Morddrohungen gegen ihn zu tun. Pai war zuletzt besonders umstritten und hat sich mit der Entscheidung, die bisherigen Regeln zur Netzneutralität aufzuheben, Unmut in weiten Teilen der Technologiebranche zugezogen.

          Erwartet wird hingegen Michael Kratsios, der Trump im Weißen Haus in Technologiefragen berät. Diesen Posten bekam er über seine Verbindung zum Investor Peter Thiel, für den er jahrelang gearbeitet hat. Der deutschstämmige Thiel war im jüngsten Präsidentschaftswahlkampf einer der wenigen prominenten Menschen aus dem Silicon Valley, die sich offen auf die Seite von Trump geschlagen haben.

          Auch Umweltschutz und Klimawandel sollen auf der CES thematisiert werden, sogar mit einem Vertreter der Umweltbehörde EPA, die seit dem Machtwechsel in Washington damit auffällt, Regulierungen zu lockern. Es handelt sich dabei allerdings um einen langjährigen und somit nicht von Trump eingesetzten Mitarbeiter der Behörde.

          Die Veranstalter machen mit ihrem Programm auch Hoffnung, dass sich die Branche in Las Vegas selbstkritische Fragen stellen und über etwaige Schattenseiten des technischen Fortschritts sprechen wird. Eine Diskussion soll sich darum drehen, welche dramatischen Veränderungen Gebiete wie Künstliche Intelligenz für die Arbeitswelt der Zukunft bringen könnten. Auch über die Vielfalt innerhalb der Belegschaften soll gesprochen werden. Das Thema „Diversity“ hat im vergangenen Jahr durch Vorwürfe sexueller Belästigung an Brisanz gewonnen, die unter anderem auch Technologieunternehmen wie den Fahrdienst Uber trafen.

          Im Kern wird die CES freilich auch diesmal weiter ein Branchenspektakel sein, das technische Neuheiten zelebriert und in den Vordergrund rückt – so wie sie es seit ihrem Start im Jahr 1967 immer war. Auf der ersten CES standen noch Transistorradios und Schwarzweißfernseher im Mittelpunkt, im Laufe der Jahre hatten hier Produkte wie Camcorder, CD-Spieler oder die Spielkonsole Xbox von Microsoft ihre Weltpremiere. Traditionell lag der Schwerpunkt der Messe vor allem auf klassischer Unterhaltungselektronik wie Fernsehern, auch Computer wurden im Laufe der Zeit zu einer bedeutenden Kategorie. In den vergangenen Jahren hat sich das Bild in Las Vegas enorm gewandelt, und die Messe ist erheblich vielfältiger geworden. Das erklärt sich damit, dass die rasant voranschreitende Digitalisierung im „Internet der Dinge“ kaum noch einen Lebensbereich und damit auch kaum noch eine Produktkategorie unberührt lässt. Ob Autos oder Haushaltsgeräte, immer mehr Dinge werden durch Vernetzung aufgerüstet und sollen dadurch intelligenter werden.

          Gerade die Autobranche ist in den vergangenen Jahren zu einer der wichtigsten Ausstellergruppen geworden, ein Stück weit stiehlt die CES mittlerweile sogar der Automesse in Detroit die Schau, die nur wenige Tage danach beginnt. Jim Hackett, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Autoherstellers Ford, wird in Las Vegas eine der Hauptreden („Keynotes“) halten. Die Daimler AG will ein neues Infotainment-System vorstellen, das mit Künstlicher Intelligenz arbeitet. Daneben zeigen aus deutscher Sicht diesmal vor allem Zulieferer Flagge. Auf dem Programm stehen Pressekonferenzen von Bosch, Continental und ZF Friedrichshafen.

          Konzentration auf „Smart Cities“

          Bosch will sich indessen nicht auf Angebote für die Autobranche beschränken, sondern zeigt auch Lösungen auf anderen bedeutenden Gebieten der vernetzten Welt, die in Las Vegas eine große Rolle spielen. Etwa „Smart Cities“, also intelligente Städte, in denen Digitalisierung das Leben prägt und angenehmer machen soll. Eine Sparte der Alphabet-Holding um den Internetkonzern Google hat diesem Feld kürzlich große Aufmerksamkeit beschert, als sie ankündigte, im kanadischen Toronto einen ganz neuen Stadtbezirk mit „allgegenwärtiger Vernetzung“ schaffen zu wollen. Auf der CES wird es nun erstmals eine Sonderschau zu dem Thema geben, auf der auch Bosch vertreten sein wird. Die Deutschen stellen zum Beispiel digitale Lösungen vor, die Städten dabei helfen, ihren Energieverbrauch zu regeln, oder sie vor Überflutungen warnen.

          Einer der Hauptredner in Las Vegas: Jim Hackett, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Autoherstellers Ford

          Ein anderes zentrales Thema auf der CES wird das „Smart Home“ sein, also das intelligente Zuhause, in dem viele Gegenstände wie Lichtschalter oder Thermostate mit dem Internet verbunden sind. Nach Jahren, in denen Ideen wie digital aufgerüstete Kühlschränke, die selbständig Lebensmittel nachbestellen, belächelt wurden, scheint die Vernetzung des Haushalts nun doch in der breiten Masse anzukommen.

          Einen wesentlichen Anteil daran haben digitale Assistenzsysteme wie der vom Online-Händler Amazon.com stammende „Echo“-Lautsprecher mit der zugehörigen Software „Alexa“ sowie die damit konkurrierenden Angebote von Google mit dem Namen „Google Home“ und „Google Assistant“. Diese mit Sprachbefehlen gesteuerten Produkte erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Der Branchenverband Consumer Technology Association, der die CES veranstaltet, schätzt, dass sich der Absatz von Assistenzgeräten wie Echo und Google Home in Amerika im abgelaufenen Jahr auf 25 Millionen Exemplare mehr als verdreifacht hat. Derweil versuchen Google und Amazon, ihre Assistenzsoftware auch in immer mehr internetfähigen Geräten anderer Hersteller unterzubringen. Bosch integriert Alexa zum Beispiel in vernetzte Kameras für den Haushalt.

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          Das Bemühen, Allianzen für ihre digitalen Helfer zu schließen, dürfte ein Grund sein, warum Google und Amazon diesmal auf der CES mit eigenen Ständen Flagge zeigen. Sie tun das sogar an einem sehr prominenten Ort, im Außenbereich des Kongresszentrums, fast direkt gegenüber voneinander. Aus dem Ausstellerverzeichnis geht hervor, dass sich diese Stände um die Assistenzsysteme der Unternehmen drehen sollen. Aus Sicht der Messe ist die Anwesenheit von Google und Amazon ein Coup. Denn so bedeutend sie als größter Branchentreff auf amerikanischem Boden ist: Es galt in den vergangenen Jahren als Makel für sie, dass einige der bekanntesten Vertreter der heimischen Technologiebranche ihr fernblieben – etwa der Elektronikkonzern Apple, der sich das Spektakel traditionell spart und seine Produktneuheiten lieber auf hauseigenen Veranstaltungen inszeniert. Zwischenzeitlich hat auch der Softwarespezialist Microsoft, der viele Jahre zu den prominentesten Ausstellern gehörte, der CES den Rücken gekehrt, er hat allerdings heute wieder eine kleinere Präsenz. Google und Amazon werden nun mit ihrer Anwesenheit dafür sorgen, dass die CES in diesem Jahr noch etwas mehr Relevanz reklamieren kann.

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