https://www.faz.net/-gqe-9bmkr

Bosch investiert : Eine Milliarde für die Chipfabrik der Zukunft

  • -Aktualisiert am

So sieht es auf der Baustelle in Dresden derzeit aus. 2019 soll die Fabrik fertig sein. Bild: dpa

Ob in Autos oder in Computern: Der Bedarf an Halbleitern wächst und wächst und wächst. Jetzt legt Bosch in Dresden den Grundstein für die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte.

          Das Tempo in der Halbleiterbranche ist so hoch, dass die Bosch-Planer gar nicht erst die Grundsteinlegung abwarteten, sondern schon vor Monaten mit dem Bau ihres neuen 300-Millimeter-Halbleiterwerks begannen. Inzwischen drehen sich am künftigen Produktionsstandort, einem 100.000 Quadratmeter oder 14 Fußballfelder großen Grundstück im Norden Dresdens vis à vis des Flughafens, stolze zehn Kräne; die Fahrstuhlschächte stehen schon, und die Ausmaße des neuen Produktionsgebäudes sind längst zu erkennen. Die Bauarbeiten gehen auch während der offiziellen Zeremonie unvermindert weiter, schon Ende kommenden Jahres soll der gesamte Komplex fertig sein und voraussichtlich Ende 2021 die Produktion starten.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Wir legen heute den Grundstein für die Halbleiterfabrik der Zukunft und damit auch für mehr Lebensqualität der Menschen und deren Sicherheit im Straßenverkehr“, sagte Dirk Hoheisel aus der Bosch-Geschäftsführung. „Halbleiter sind die Schlüsseltechnologie für das Internet der Dinge und die Mobilität der Zukunft. In Steuergeräten von Autos eingesetzt, ermöglichen sie zum Beispiel automatisiertes, ressourcenschonendes Fahren sowie bestmöglichen Insassenschutz.“ Schon die vor mehr als 20 Jahren von Bosch erfundene und heute in Autos auf der ganzen Welt verbaute Technologie des Elektronischen Stabilitätsprogramms (ESP) habe seit seiner Einführung rund 8500 Menschen das Leben gerettet und etwa 250.000 Verkehrsunfälle verhindert, sagte Hoheisel während des Festaktes zur Grundsteinlegung, an der auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (beide CDU) teilnahmen.

          Größere Skaleneffekte mit 300 Millimeter-Technik

          Der Bedarf an Halbleitern wächst rund um die Welt, dem Marktforschungsunternehmen Gartner zufolge stieg der Umsatz der Branche allein im vergangenen Jahr um 22 Prozent. Im Jahr 2016 hatte Bosch zufolge jedes neu ausgelieferte Auto im Durchschnitt mehr als neun Chips des Unternehmens an Bord, die bisher in der Chipfabrik in Reutlingen hergestellt werden. In diesem Markt will Bosch weiter führend mitmischen und erweitert deshalb seine Produktionskapazitäten deutlich: Inklusive Fördermitteln steckt das Unternehmen rund eine Milliarde Euro in seinen neuen Standort in Dresden. Das sei die größte Einzelinvestition in der 130-jährigen Unternehmensgeschichte, sagte Hoheisel.

          So soll die Halbleiterfabrik am Ende aussehen.

          Die permanente Weiterentwicklung und der hohe Wettbewerbsdruck in der Chipproduktion führen darüber hinaus dazu, dass Bosch mit seinem neuen Werk in der sächsischen Landeshauptstadt erstmals in die 300-Millimeter-Fertigungstechnologie einsteigt. Im Vergleich zu bisher üblichen 150- und 200-Millimeter-Wavern, also Siliziumscheiben, auf denen Halbleiter hergestellt werden, lassen sich so größere Skaleneffekte erzielen und die Wettbewerbsfähigkeit steigern.

          Dresden als Motor der Mikroelektronik

          Mit der Fertigstellung des Werkes sollen bis zu 700 Mitarbeiter in Dresden arbeiten und die hochautomatisierte Chipfertigung planen, steuern und überwachen. Die neue Fabrik wird zu den Vorreitern der vernetzten Produktion zählen; dem Unternehmen zufolge analysieren die hochautomatisierten Fertigungsanlagen ihre Prozessdaten selbst, um so Abläufe zu optimieren, die Qualität zu steigern und die Herstellungskosten zu senken. Schon heute stellt Bosch deshalb Experten für Halbleitertechnik, Prozessingenieure, Mathematiker und Softwareentwickler für seinen neuen Standort ein. Dresden sei „zunächst mal als Produktionsstandort vorgesehen“, sagte Hoheisel. Zwar sei „eine kleine Forschungsabteilung schon da“, ob die Stadt aber künftig auch ein Forschungs- und Entwicklungsstandort für die Firma werde, ließ er offen.

          Ministerpräsident Michael Kretschmer betonte, dass Sachsen schon seit der Wiedervereinigung am Standort Dresden auf Mikroelektronik gesetzt habe, woraus ein heute in Europa einzigartiges Cluster aus Zulieferern, Dienstleistern, Anwendern sowie Universitäten mit technologischer Expertise entstanden sei. „Wir haben mit Hochschulen und in der Forschung die Grundlagen dafür geschaffen, dass man in diesem Bereich an Dresden nicht vorbeikommt“, sagte Kretschmer und verwies sowohl auf „exzellent ausgebildete Fachkräfte“ als auch auf vorhandene Grundstücksflächen „zu günstigen Konditionen“. Die Entscheidung von Bosch markiere einen wichtigen Meilenstein, trage sie doch „entscheidend mit dazu bei, dass die gesamte europäische Industrie auch künftig bei Zukunftstechnologien ganz weit vorne mitspielt.“ Hoheisel sagte, dass sich Dresden „zweifellos als Motor der Mikroelektronik in Europa etabliert hat“ und deshalb „weltweit erste Wahl für die Ansiedlungsentscheidung“ gewesen sei.

          In der Unterhaltungselektronik hat Deutschland das Rennen verloren

          Diese wiederum wäre wohl ohne Unterstützung vor allem des Bundes sowie eine bisher einzigartigen Ausnahme der Europäischen Union von beihilferechtlichen Begrenzungen kaum so gefallen. Es gehe darum, die Position Deutschlands und Europas in der Mikroelektronik auf den Weltmärkten zu sichern und auszubauen, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, weshalb der Bund die Investition „mit einem Betrag im dreistelligen Millionenbereich“ fördern wolle; die exakte Summe stehe jedoch erst nach Abschluss der beihilferechtlichen Prüfung durch die EU fest. Insgesamt wolle die Bundesregierung rund eine Milliarde Euro Unterstützung für Mikroelektronik-Projekte zur Verfügung stellen.

          Es gehe um Industriearbeitsplätze in einem hochinnovativen Bereich mit enormer Wertschöpfung, begründete Altmaier das Engagement des Bundes. Deutschland und Europa hätten eine sehr gute Forschungslandschaft, aber es gehe vor allem auch um die industrielle Herstellung und Anwendung von Mikroelektronik. „Wir ringen um die industriepolitische Zukunft unseres Kontinents“, sagte der Bundesminister. Im Automobilbau, in der chemischen und der optischen Industrie sei Deutschland zwar nach wie vor führend. In der Unterhaltungselektronik jedoch habe man seinerzeit den Vorsprung verloren, weil die Zeichen der Zeit nicht erkannt worden seien. „Bei der Mikroelektronik dürfen wir diesen Fehler nicht wiederholen.“

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          Der tschechische Milliardär Daniel Křetínský will den Handelskonzern Metro komplett übernehmen.

          Tschechischer Investor : Der Mann, der Metro kaufen will

          Der tschechische Milliardär Daniel Křetínský präsentiert sich als leiser Unternehmer. Er kann aber auch anders – jetzt greift er nach dem Handelskonzern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.