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Bezahlte Artikel? : Facebooks fragwürdige PR-Methoden

Fakebook nennen Demonstranten das Soziale Netzwerk. Bild: dpa

Facebook lässt Agenturen Artikel schreiben, um sie auf rechten Nachrichtenseiten zu plazieren, schreibt die „New York Times“. Das soziale Netzwerk bestreitet die Vorwürfe.

          Im ganzen Land hat Facebook Werbungen an Bahnhöfen und Bushaltestellen plaziert. Allerwelts-Gesichter blicken dem Beobachter nachdenklich in die Augen. Auf den Plakaten stehen so Sätze wie: „Ich weiß nicht, ob mein Chef meine Posts sehen kann.“ Man solle Facebook zu „seinem Facebook“ machen, steht darauf. Öffentlich gibt sich Facebook kooperativ.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hinter den Kulissen spielt das größte soziale Netzwerk der Welt offenbar ein anderes Spiel. Nach einem Bericht der New York Times hat Facebook im Oktober des vergangenen Jahres die Beratungsagentur Definers Public Affairs engagiert, um mit fragwürdigen Methoden die öffentliche Stimmung zu den eigenen Gunsten zu drehen. Die Agentur ist darauf spezialisiert, die Methoden der Oppositionsforschung aus der amerikanischen Politik auf die Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen anzuwenden. Facebook hat inzwischen auf die Vorwürfe reagiert und teilt in einem Blog-Beitrag mit, sich von der Agentur getrennt zu haben.

          Der Standort der Agentur im Silicon Valley wurde von Tim Miller geleitet, einem ehemaligen Sprecher des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Jeb Bush. Der sagte mal in einem Interview, dass Unternehmen versuchen sollten, „über sich selbst positive Inhalte nach draußen zu drücken und negative Inhalte über ihre Wettbewerber“.

          Fake News?

          Facebooks Ziel war dem Bericht zufolge, sich selbst aus der Schusslinie zu ziehen und dem Eindruck entgegenzuwirken, das Unternehmen stehe den Demokraten zu nahe. Die Definers-Agentur nutze dafür enge Verbindungen zu NTK Network. Das ist eine wenig bekannte Nachrichtenseite, die Definer gehöre und teilweise die gleichen Büros und Angestellten habe. Sie werden aber häufig von rechten und konservativen Seiten wie Breitbart aufgegriffen, schreibt die New York Times.

          Auf NTK Network habe die Agentur Artikel plaziert, die beispielsweise dem Apple-Vorstandsvorsitzenden Tim Cook Heuchlerei vorwarfen, weil Apple auch viele Daten seiner Nutzer sammle. In anderen Artikeln wurde Google angegriffen oder Facebooks Rolle in der Russland-Untersuchung kleingeredet. Während Facebook also öffentlich um Entschuldigung bat, verbreitete es gleichzeitig mithilfe von Agenturen und kontrollierten Nachrichtenseiten Artikel, die vorgaben, Nachrichten zu sein. Das „New York Magazine“ schlussfolgert, Facebook habe gelernt, wie gefährlich Fake News in der Beeinflussung von Kampagnen und Wahlkämpfen sein kann – und daraus seine Schlüsse gezogen und einfach selbst Fake News verbreitet.

          Rache gegen Apple

          Dass Apple mit ins Visier geriet, war laut der New York Times kein Zufall. Apple ist zwar eigentlich kein direkter Facebook-Konkurrent, da es kein soziales Netzwerk betreibt. Tim Cook hatte sich aber in einem Fernseh-Interview kritisch über Facebook geäußert: „Privatsphäre ist ein Menschenrecht.“ Zudem würde Apple das Privatleben seiner Nutzer nicht durchleuchten – anders als Facebook.

          Das habe den Facebook-Gründer Marc Zuckerberg erzürnt. Daraufhin seien die Artikel plaziert worden. Zuckerberg habe dann angeordnet, dass Facebooks Führungskräfte künftig Smartphones verwenden sollen mit den von Google angebotenen Betriebssystem Android. Und nicht mehr iPhones von Apple.

          Soros im Visier

          Doch nicht nur gegen die Konkurrenten sei die Definers-Agentur vorgegangen. In diesem Sommer habe die Agentur auch einen Report verbreitet, der dem Milliardär George Soros vorwarf, hinter einer Kampagne linker Gruppen gegen Facebook zu stehen, schreibt die New York Times. Konservative und rechte Gruppen verbreiten immer wieder Verschwörungstheorien über Soros, der als Hedgefonds-Manager steinreich geworden ist. Ein Soros-Sprecher bestreitet die Vorwürfe.

          Soros hatte sich im Januar dieses Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum kritisch über Facebook und Google geäußert. Beiden Unternehmen fehle der Wille, „die Gesellschaft vor den Folgen ihrer Handlungen zu schützen“. Soros stammt aus Ungarn, ist jüdisch und setzt seine Milliarden inzwischen für viele wohltätige Zwecke ein. Er war unter den Zielpersonen der versuchten Paketbomben-Anschläge im Oktober.

          Facebook verteidigt sich

          Facebook schreibt in dem Blog-Beitrag, dass es sich von Definers getrennt habe, und nimmt Stellung zu den Vorwürfen: Facebook habe Deinfers nie darum gebeten, für Artikel zu Gunsten Facebook Geld zu zahlen und falsche Informationen zu verbreiten. Die Zusammenarbeit mit Definers sei außerdem öffentlich bekannt gewesen.

          Die Agentur habe auch regelmäßig Hunderte Journalisten zu Presseterminen von Facebook eingeladen. Der Report über Soros sei zudem darauf ausgerichtet gewesen, deutlich zu machen, dass es sich nicht um eine „spontane Graswurzelbewegung“ handele. Sondern unterstützt worden sei von einem „bekannten Kritiker unseres Unternehmens“.

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