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Protest gegen neue Antenne : Ab ins Funkloch

  • -Aktualisiert am

Nicht weit von Ettenheimweiler entfernt: die Ortschaft Untermünstertal. Bild: Frank Röth

Alle wollen Handy-Empfang? Von wegen! Im baden-württembergischen Ettenheimweiler wehren sich die Einwohner gegen den Mobilfunk. Doch die Meinungen zu dem Thema sind gespalten.

          Die beiden Jugendlichen wissen gleich Bescheid. Sie sitzen an einem Tisch vor der Natur- und Montessori-Schule in Ettenheimweiler und arbeiten an ihren Englischaufgaben. Als sie hören, dass es um das Funkloch geht, bestätigen sie, dass hier überall der Handy-Empfang fehlt. Überall? Nein, vielleicht gibt es da oben Netz: Einer der beiden zeigt in luftige Höhe hinauf zum kleinen Schornstein auf dem Dach. Dann machen sie mit ihren Arbeitsblättern weiter, während an der Seite des Holzhauses ein paar Meerschweinchen durchs Stroh flitzen. Hinter dem Haus auf der matschigen Wiese stehen noch Ziegen, Schafe und Ponys neben einem ausrangierten Omnibusanhänger. Ein Idyll – ohne Anschluss.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer die Dorfstraße entlangfährt, merkt schon kurz nach dem Ortsschild, dass das Handy keinen Empfang mehr anzeigt. Die Siedlung, die seit dem Mittelalter zur nahe gelegenen Stadt Ettenheim gehört, liegt zwischen Offenburg und Freiburg in Baden-Württemberg. Links und rechts des Wegs durch die Gemeinde mit ihren knapp 600 Einwohnern stören die Berge den Empfang. Ettenheimweiler ist eines der Funklöcher, von denen es in Deutschland – gerade im ländlichen Raum – noch viel zu viele gibt. Im Vergleich mit den anderen Bundesländern kommt Baden-Württemberg besonders schlecht weg: Wegen der Mittelgebirge haben viele Gegenden nur schlechtes oder gar kein Handy-Netz.

          So schlimm, dass alle zum Telefonieren auf den Schornstein klettern, ist es in Ettenheimweiler bisher noch nicht. In Häusern, die höher liegen, oder auch mal in den oberen Etagen gibt es durchaus Netz. Mal mehr, mal weniger. Ob die Einwohner hier telefonieren können, lässt sich nicht vorhersehen und hängt auch vom jeweiligen Mobilfunkanbieter ab. „Und wie das Wetter ist“, sagt Sabine Schaumann, die Schulleiterin. Hier ist Geduld gefragt.

          Die Antennen-Gegner

          Jetzt aber soll alles anders werden in Ettenheimweiler. Die Tage des Funklochs sind gezählt. Denn auf dem alten Stromhäuschen am Fußballplatz soll endlich eine Mobilfunkantenne montiert werden. Doch es regt sich Widerstand. Während die einen ohne Unterbrechungen telefonieren wollen, fürchten die anderen um den Wert ihres Grundstücks. So wie die Familie mit dem Bauplatz gleich neben jenem Stromhäuschen befürchtet, dass die Strahlung den Wert ihres Grundstücks mindert. Andere plädieren für einen Mast außerhalb der Ortschaft. Sage und schreibe 90 Einwohner haben sich in einer Unterschriftenliste gegen die Antenne auf dem Stromhäuschen eingetragen.

          Außer Dienst: Das alte Stromhäuschen in Ettenheimweiler in der Nähe von Freiburg

          Schulleiterin Sabine Schaumann ist eine davon: Sie ist gegen die Antenne, sagt sie, und rückt einen Tisch in die Frühlingssonne vor dem großen Holzhaus. Von ihr aus kann alles bleiben, wie es ist. Auch Alexander Harm aus der Nachbarschaft will keine Antenne im Dorf. Woher rührt der Widerwille der beiden? Schaumann sagt: „Ich bin glücklich so, wie es ist.“ Harm sagt – das Handy vor ihm auf dem Tisch: „Ich brauche es persönlich nicht.“

          Sabine Schaumann kam vor 17 Jahren nach Ettenheimweiler. Damals war dort, wo sie heute wohnt, noch eine Weide, die sie gepachtet hatte und auf der ihre Pferde grasten. Nach einigem Hin und Her wurde die Fläche zum Bauplatz umgewidmet und die Familie baute sich hier ein Haus. Später wollte sie eine Schule für ihre Kinder in der Nähe und baute die Montessori-Schule mit auf.

          Gesundheitsgefahr Mobilfunk?

          Alexander Harm ist im vergangenen Sommer nach Ettenheimweiler gezogen. Sein Grund: Seine Tochter besucht hier die Schule. Zuvor hat sich die Familie ein Dutzend freie Schulen in Baden-Württemberg angesehen. Am Ende fiel die Entscheidung für Ettenheimweiler. Harm kaufte im Ort ein altes Haus.

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