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Protest gegen neue Antenne : Ab ins Funkloch

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So warten Bürgermeister und Bürger auf die Umfrage und deren Ergebnis. Mancher in der Gegend geht von einem knappen Resultat aus. Schaumann und Harm erwarten hingegen, dass eine Mehrheit die Pläne ablehnt. Die beiden sitzen in der Sonne und diskutieren, was überhaupt für bessere Netze spräche. Ältere Menschen, die zuhause im Fall eines Sturzes, mit dem Handy Hilfe holen. Handwerker im Notdienst sind auf sicheren und schnellen Empfang angewiesen. Selbstfahrende Autos wohl auch. Er sagt: „Braucht man das wirklich?“ Sie sagt: „Ich brauche das nicht.“ Mobilfunk hat seine Berechtigung, aber ist nicht lebensnotwendig, sagt Harm. „Wir sind aufgewachsen, da gab es das alles nicht.“

Wenn er nun in seinem Haus Klavier spielen würde, sagt Harm, und der Nachbar sich davon gestört fühlt, gibt es Regeln. „Man darf nur zu bestimmten Uhrzeiten spielen, und es ist vermutlich nicht gesundheitsschädlich“, sagt er. Aber wenn er sich auf sein Haus ein drahtloses Netzwerk oder ein Mobilfunk setzt und damit die Nachbarschaft bestrahle, gibt es dafür überhaupt keine Regeln. „Das darf ich machen, und es ist möglicherweise gesundheitsschädlich“, glaubt Harm.

 Idyll im Funkloch

Der studierte Wirtschaftsingenieur ist als Programmierer und Technikberater selbständig. Er ist also weder technikfern noch ein Gegner des Internets. „Ich arbeite in der IT-Welt, da gibt es genügend Leute, die sagen, dass ihre Ohren heiß werden, wenn sie mit diesen Sachen telefonieren.“ Immer wieder hört er von Studien, die belegen, dass die Strahlung gefährlich sei. Ob das wirklich so ist oder nicht, wisse man nie, sagt er. Schulleiterin Schaumann bezieht sich auch auf Studien, die von gesundheitlichen Beeinträchtigungen ausgehen. Ihr fällt es schwer, einfach zu sagen, dass die Strahlen sicher seien und nichts passieren könne. „Solange man das nicht weiß, bin ich dafür, das nicht zu machen.“ Stattdessen könne sich ja jeder selbst die entsprechende Technik ins Haus stellen.

Schaumann gefällt Ettenheimweiler ohne Mobilfunk. Sie betrachtet das Funkloch als Alleinstellungsmerkmal für die Siedlung. Statt den schlechten Empfang zu verteufeln, sollten die Bürger ihn positiv sehen. Dann ziehen hier Menschen her, die ohne Mobilfunk auskommen, glaubt sie. „Warum muss es überall gleich sein, wir können es doch auch verschieden machen“, sagt sie.

Statt um Antenne, Mast und Netz kümmert sich die Schulleiterin nun wieder um ihre Schüler. Schaumann setzt sich an einen Tisch mit einer Hand voll Jugendlicher. Sie besprechen, was sie für das Café planen, das die Jugendlichen selbst betreiben: Jeden Sonntag laden sie nachmittags ins Schulgebäude ein. Im Caféhaus Löwenz, wie die Tafel am Holzhaus verkündet, servieren zwei oder drei Schüler Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. Mit den Einnahmen unternehmen sie Ausflüge. So waren sie schon oft zusammen in England, erzählt eine Schülerin. So wird die Schule am Wochenende zum Treffpunkt für jeden. Am Sonntag kommen alle ins kleine Cafe neben den Ziegen, Ponys und Meerschweinchen – egal ob sie Mobilfunk wollen, brauchen oder ablehnen. Das Idyll im Funkloch ist einfach zu schön.

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