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Protest gegen neue Antenne : Ab ins Funkloch

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Jetzt gehören beide zu den Familien im Ort, die gegen den Mobilfunk aufbegehren. „Es ist nicht unsere Intention, uns mit Zähnen und Klauen gegen den Mobilfunk zu wehren“, sagt Harm. „Wir wollen nur nicht, dass die Antenne ohne Rücksprache mitten ins Dorf gepflanzt wird.“ Im Februar luden die Antennengegner zur Diskussion im Clubhaus am Sportplatz mitsamt Vortrag des Europaabgeordneten Klaus Buchner ein. Der Vertreter der kleinen Ökologisch-Demokratischen Partei ÖDP warnte vor der Gesundheitsgefahr Mobilfunk.

Sabine Schaumann und Alexander Harm brauchen den Mobilfunk nicht.

So groß der Ärger über Funklöcher und lahmes Mobilfunk auch in Deutschland ist, ebenso steigt der Widerstand gegen den Mobilfunk an vielen Orten. Ebenfalls in Stuttgart, Mannheim und Esslingen protestieren Bürger gegen neue Masten und halten die Strahlung für gesundheitsschädlich. Manche Stadt geht schon so weit, keine Liegenschaften für den Mobilfunk mehr zu Verfügung zu stellen.

Widerstand folgt immer

Der Protest aus Ettenheimweiler ist im Rathaus angekommen. Ettenheims Bürgermeister Bruno Metz blättert am hölzernen Besprechungstisch in seinem Büro durch die Unterschriftenliste der Antennengegner. Dabei hatte er gedacht, den Bürgern mit einem besseren Handy-Netz zu helfen. „Seitdem es Handys gibt, wird dieses Funkloch beklagt“, sagt der CDU-Politiker. In Bürgergesprächen in der Siedlung hörte er jahrelang, wie sehr der schlechte Empfang störe. Plötzlich jedoch richtet sich die Klage nicht mehr gegen das Funkloch, sondern gegen dessen Beseitigung. Jetzt bekommt er zu hören, dass Ettenheimweiler einer der wenigen Orte ist, in denen man noch ohne ständige Belastung durch Mobilfunkwellen leben kann.

Alles soll so bleiben, wie es ist. Oder sich wenigstens für einen selbst nicht zum Nachteil entwickeln. Was in der Gemeinde auch passiert, einer ist immer dagegen. Wer gerade erst ein eigenes Haus gebaut hat, stört sich an weiteren Bauten in der Nachbarschaft. Der eine lehnt einen Kindergarten ab, der andere ein Biomassekraftwerk. „Wir erschließen keinen Bauplatz mehr, ohne dass es Widerstände gibt“, sagt Metz. Dabei ist Wohnraum knapp. Die kleine Stadt wächst und kommt inzwischen auf mehr als 13.000 Einwohner.

Ob sich der Protest gegen den Mobilfunk in Ettenheimweiler lohnt? Bürgermeister Metz will sich nicht für eine Antenne und den Fortschritt verkämpfen, sondern legt die Entscheidung in die Hände der Bürger. Die Stadt startet im März eine Umfrage unter den 465 Wahlberechtigten in Ettenheimweiler, die per Brief bekunden sollen, ob sie einen Mobilfunk-Standort haben wollen oder nicht. Tatsächlich ist der Wirkungskreis der Umfrage begrenzt. Das Stromhäuschen gehört einem Energieanbieter, der direkt daneben einen kleinen Neubau erstellt hat und das alte Gebäude nicht mehr braucht. Metz kann einem privaten Unternehmen oder Bürger nicht untersagen, eine Mobilfunk-Antenne aufzustellen. Er baut aber darauf, dass die Netzbetreiber sich nicht gegen den Willen der Einwohner durchsetzen. „Unterm Strich: Mir ist wohler mit Handy-Empfang. Aber wenn die Mehrheit im Ort sagt, wir wollen das nicht, dann ist das für mich wirklich erledigt.“

Alleinstellungsmerkmal für die Siedlung

Fast wäre das alte Stromhäuschen, das nun als Standort für die Mobilfunk-Antenne im Gespräch ist, abgerissen worden. Doch auf der Bürgerversammlung sprachen sich einige Einwohner dafür aus, dass das alte Häuschen irgendwie zum Ort gehöre und noch verwendet werden könne. Vielleicht als Aufenthaltsraum für umherstreunende Amphibien oder auch als Standort für eben jene umkämpfte Antenne. „Mobilfunk will ja jeder, nur nicht als Standort neben sich“, sagt Reinhard Meier, ehrenamtlicher CDU-Politiker und gelernter Forstwirt. Er vertritt als gewählter Stabhalter von Ettenheimweiler die Interessen der kleinen Gemeinde gegenüber der Stadt. Auch er will nicht für den Mobilfunk kämpfen. „Ich bin da ganz neutral“, sagt Meier. Die Antenne soll am Ende da stehen, wo die Bürgerschaft sie haben will.

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