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Digitale Giganten : Bedrohen Amazon und Google den Wettbewerb?

Bedroht die Marktmacht von Google den Wettbewerb? Bild: AP

Ökonomen warnen, die Marktmacht von Facebook, Amazon und Co. steige gefährlich. Andere betonen, die Digitalisierung führe zu mehr Konkurrenz. Was stimmt? Eine Analyse.

          Die Stimmung in Amerika hat sich gedreht gegen „Big Tech“, die großen Technologiekonzerne. Politiker im Kongress und Kartellwächter wollen untersuchen, ob Konzerne wie Alphabet (Google), Amazon, Apple und Facebook zu viel Marktmacht haben und diese – zum Schaden des Wettbewerbs – missbrauchen. Der Stimmungswandel speist sich aus verschiedenen Motiven. „Auslöser war bei manchen das Unbehagen über hohe Gewinne“, erklärt der deutsche Wettbewerbsökonom Justus Haucap, „bei anderen auch Unbehagen über politische Macht, etwa der Vorwurf, dass Facebook und Google die Wahlen und Meinungsbildung beeinflusst hätten“. Konzerne wie Facebook aus dem Silicon Valley, die eigentlich fest im linksliberalen Milieu verwurzelt sind, stehen am Pranger, weil sie einem rechtskonservativen Präsidenten ins Amt geholfen haben sollen.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Unter Ökonomen konzentriert sich die Debatte auf grundsätzlichere Fragen. Es gibt gute Gründe, über eine wachsende Marktmacht der großen Konzerne und sogenannter „Superstarfirmen“ besorgt zu sein. Auf der Ifo-Versammlung vergangene Woche bezeichnete Institutspräsident Clemens Fuest es als eine zentrale Aufgabe zur Sicherung der Sozialen Marktwirtschaft, dass „der Wettbewerb in einer von digitalen Plattformen und Netzwerkeffekten geprägten Wirtschaft“ geschützt werde. Er spricht von „Winner-takes-it-all-Märkten“: Die führenden Konzerne verdrängen Wettbewerber, sahnen übergroße Profite ab, entlohnen ihre Mitarbeiter sehr gut, während für viele andere weniger übrig bleibt. Das könne mehr Ungleichheit und andere ökonomische Probleme nach sich ziehen.

          Selbst unter den Ökonomen der Universität Chicago, die traditionell – seit Milton Friedman und George Stigler – den freien Markt hochhalten, der Kraft des Wettbewerbs vertrauen und Staatseingriffen misstrauen, gibt es neuerdings Zweifel, ob extrem große Unternehmen nicht doch problematisch sind. Luigi Zingales von der Chicago Booth School of Business hat in einem Papier „Towards a Political Theory of the Firm“ beschrieben, wie sich Megakonzerne politischen Einfluss verschaffen, um die Spielregeln des Marktes zu ihren Gunsten zu verändern.

          Steigt die Marktmacht?

          Aber kann man wirklich von einer Zunahme von Marktmacht auf breiter Front sprechen? Mehrere empirische Studien zeigen, dass die sogenannten Markups steigen. Das sind die Preisaufschläge von Unternehmen über ihre variablen Kosten bei der Produktion einer Ware oder Dienstleistung. Im aktuellen World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds widmet sich ein eigenes Kapitel der Frage. Ein Team von IWF-Ökonomen hat die Umsatz- und Gewinndaten von fast einer Million Unternehmen in 27 Ländern aus den vergangenen zwei Jahrzehnten analysiert. Insgesamt gebe es im globalen Durchschnitt eine „moderate“ Zunahme der Markups; in den Industrieländern stiegen sie schon deutlicher, um acht Prozent, und in den Vereinigten Staaten sogar doppelt so stark.

          Die IWF-Ökonomen setzten höhere Markups mit mehr Marktmacht gleich. Am stärksten wuchs diese nach ihren Berechnungen in den Industrien, die digitale Technologien nutzten, also bei den Tech-Giganten, die viele Patente anmelden und viel in Software investieren, aber auch in der Bankenwelt. Der Harvard-Ökonom Jason Furman zeigte sich bei einer OECD-Anhörung im vergangenen Jahr tief besorgt und verwies auf steigende Konzentrationsmaße in vielen Branchen, etwa auch im Einzelhandel.

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