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Autos der Zukunft : So will Volkswagen Google herausfordern

Im Mai wurde dieser Volkswagen ID 3 in Berlin präsentiert. Noch dieses Jahr will VW seine digitalen Kompetenzen bündeln, um Google und Co. anzugreifen. Bild: AFP

Volkswagen will nicht zum reinen Hardware-Lieferanten für Google und Apple werden, sondern seine eigene Software für das vernetzte Auto entwickeln. Dafür rüstet der Konzern massiv auf.

          Christian Senger, Mitte 40, ist bei Volkswagen der erste Vorstand in einem deutschen Automobilunternehmen, dessen Aufgabe es ist, sich um die Software und Vernetzung der Autos der Zukunft zu kümmern. Bislang war Senger, der zum 1. März neuer Software-Vorstand bei VW wurde, ein König ohne Land und klare Zuständigkeiten.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Das ändert sich nun. Bis 2025 will der Wolfsburger Konzern mehr als 5000 Digital-Experten in Sengers neuer „Car.Software“-Einheit bündeln. Mit rund 500 Experten in einer – wie es bei VW heißt – „agilen Software-Einheit“ soll es in diesem Jahr losgehen. 2020 sollen es rund 2000 Mitarbeiter sein. Volkswagen will dazu Experten aus allen Konzernmarken zusammenführen, den Aufbau der neuen Einheit aber „vor allem über die Gewinnung neuer Fachkräfte“ über Zukäufe und strategische Partnerschaften vorantreiben, teilte das Unternehmen am Dienstag in Wolfsburg mit.

          „Beim Thema Software gehören wir noch nicht zu den Großen“, räumte Senger ein. Das will VW ändern, auch weil die globalen Internet-Plattformen wie Google die Entwicklung von Betriebssystemen für Autos massiv vorantreiben. Die Wolfsburger blicken mit ihrer Strategie deswegen eher auf die globalen Internet-Plattformen, die sich als Wettbewerber warmlaufen, als auf die traditionellen Konkurrenten innerhalb der Autobranche. „Wir wollen ein Kraftzentrum für das digitale Auto und die dazugehörige Cloud-Plattform formen, mit den besten Digitalexperten der Welt“, sagte Senger. „Wir werden Software zur Kernkompetenz im Unternehmen machen.“

          Eigenanteil in der Software-Entwicklung deutlich steigern

          VW-Chef Herbert Diess begründete das Engagement von Volkswagen in der Entwicklung von Auto-Software im Frühjahr, als er die Personalie Senger ankündigte, deswegen unmissverständlich klar: „Der Anteil der Software im Auto steigt rasant, stellt einen immer größeren Anteil der Wertschöpfung dar und bestimmt maßgeblich die Leistung und Charakteristik unserer Fahrzeuge.“ Deswegen stärken alle Automobilunternehmen ihre Software-Entwicklung, weil die Autos der Zukunft immer stärker zu einer Art Smartphone auf Rädern werden. Google hält sein neues Auto-Betriebssystem Android Automotive OS dagegen, das im Auto die komplette Steuerung der Cockpit-Elektronik übernehmen soll.

          In einem Fahrzeug der Marke VW werden derzeit bis zu 70 Steuergeräte vernetzt, die mit der Software von 200 verschiedenen Zulieferern laufen. „Wir verwenden einen großen Teil unserer Kraft auf die technische Integration und arbeiten sehr viel auf der Basis der Entwicklungen Dritter“, berichtet Senger. „Das ist kein gutes Modell für die Zukunft“, sagt er – zumal die Vernetzung des Autos in der Zukunft einen immer größeren Anteil der Wertschöpfung ausmachen dürfte. Die Antwort aus Wolfsburg: „Wir müssen diejenigen sein, die die Software entwickeln, die die Standards bestimmen und sie für die Marken und Zulieferer bestimmen.“

          Derzeit liegt der Anteil der selbst entwickelten Software bei VW bei weniger als 10 Prozent. „Das ist deutlich zu wenig“, räumt Senger ein. Der Konzern strebt an, den Eigenanteil an der Software-Entwicklung bis 2025 auf mehr als 60 Prozent zu erhöhen. „Wir müssen da mehr selber machen“, heißt es in Wolfsburg. Perspektivisch rechnet Volkswagen damit, dass es mehr als 10 Millionen Autos pro Jahr geben wird, die voll vernetzt sind.

          „Es ist keine ausgemachte Sache, dass wir den Wandel schaffen“

          Senger ist zwar nur Software-Vorstand bei der Kernmarke VW, er verantwortet in Personalunion aber auch auf Konzernebene die digitalen Aktivitäten. Konzernchef Diess will damit die Skaleneffekte, die Volkswagen mit seinem Baukastensystem erzielt, das der Konzern bei Verbrennern und Elektroautos benutzt, auch auf das vernetzte Auto übertragen. Insider beschreiben das so: Sengers Truppe bietet einen Software-Basis-Baukasten an, auf dessen Basis die Experten der Marken von Porsche über Audi bis Seat und Skoda mit eigenen Software-Experten ihr eigenes Profil setzen. „Wir werden in Konzernverantwortung die Software-Plattformen für Basisfunktionen für alle definieren und auf diese Weise ein virtuelles Regal befüllen, aus dem sich alle Marken bedienen“, sagt Senger.

          Nicht nur die Marken werden in der neuen Software-Einheit stärker zusammengebunden, auch die Regionen. Für VW gewinnt dabei neben den Vereinigten Staaten vor allem China an Bedeutung, wo die Marke VW heute bereits mehr als jedes zweite Auto verkauft. In Amerika baut VW Kapazitäten in Seattle auf, auch wegen der engen Zusammenarbeit mit Microsoft, die jetzt ebenfalls in die Zuständigkeit Sengers fällt.

          „In Europa und in Deutschland verfügen wir nicht im notwendigen Maße über eine IT-Industrie, die in der Lage wäre, uns umfassend genug bei unserem Vorhaben zu unterstützen“, sagte Diess Ende vergangenen Jahres. Rund 5000 Experten arbeiten in dem Konzern derzeit an der Entwicklung von IT für die Autos, berichtet VW-Personalvorstand Gunnar Kilian kürzlich, rund 12.000 in der Unternehmens-IT, dazu kämen gut 4000 IT-Fachleute in China.

          Diess hat den VW-Mitarbeitern die Bedeutung der Software für das Unternehmen auf einer Betriebsversammlung im März in Wolfsburg schnörkellos erklärt. VW dürfe nicht zum Hardware-Lieferanten für Apple und Google werden, warnte er da. „Wir müssen uns unglaublich anstrengen, um das Tempo mitzugehen“, sagte er. „Und es ist keine ausgemachte Sache, dass wir den Wandel schaffen.“

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