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Kommentar : Flexibel arbeiten – nicht für jeden gut

  • -Aktualisiert am

Mehr Zeit für den einen kann mehr Stress für den andere bedeuten. Bild: dpa

Die Deutschen wollen immer flexibler arbeiten. Sie können sich das leisten. Aber wenn der eine flexibel zu Hause bleibt, muss ein anderer einspringen.

          Flexibilität – ein Wort, das Segen und Fluch zugleich sein kann. Bei den Arbeitnehmern erfreut sich sie immer größerer Beliebtheit, wenn es um ihre Arbeitszeit und -welt geht. Die steht immer mehr im Mittelpunkt, weil der Arbeitsmarkt hierzulande richtig gut läuft und in einigen Teilen des Landes sogar Vollbeschäftigung herrscht.

          Zu mehr Flexibilität gehört auch, mehr Zeit zu haben. Die Gewerkschaft IG Metall passt sich diesem Trend an – und bringt neben einer Lohnerhöhung eine 28-Stunden-Woche ins Spiel. Die Beschäftigten sollen ihre regelmäßige Arbeitszeit künftig ohne Begründung für eine Dauer von maximal zwei Jahren auf bis zu 28 Stunden in der Woche reduzieren können. Danach soll der Anspruch bestehen, auf die ursprüngliche Arbeitszeit zurückzukehren. „Zeit ist unseren Mitgliedern ein immer höheres Gut in den letzten Jahren geworden", sagt der Chef der mächtigsten Gewerkschaft Deutschlands, Jörg Hofmann.

          Wie weit das gehen kann, zeigen die Ergebnisse einer Umfrage der Deutschen Bahn. Die hat die eigenen Mitarbeiter kürzlich selbst entscheiden lassen, ob sie lieber mehr Geld oder mehr Urlaub haben wollen. Ergebnis: Die Mehrheit entschied sich für mehr Urlaub - und zwar über alle Altersklassen hinweg.

          Weniger zu arbeiten – das muss man sich erst mal leisten können!

          Das muss man sich erst mal leisten können, auf Geld zugunsten einer besseren Work-Life-Balance zu verzichten! Vor gut zehn Jahren, als mehr als fünf Millionen Menschen arbeitslos waren, wären solche Gedanken für viele unvorstellbar gewesen. Je knapper aber das Angebot an Arbeitskräften ist, desto mehr Macht haben sie. In dem Maße, wie die Einzelnen weniger arbeiten wollen, wird das Angebot an Arbeit künstlich verknappt. Schöne Zeiten für Angestellte.

          Dass von Politik über Gewerkschaften bis hin zu (Groß-)Unternehmen darauf eingegangen wird, beweist, wie sich die Verhältnisse im Arbeitsmarkt gedreht haben. Vor allem gut qualifizierte Leute haben beste Chancen, ihrem Arbeitgeber Zugeständnisse abzuringen: Das Unternehmen muss sich den persönlichen Bedürfnissen des Arbeitnehmers unterordnen, nicht umgekehrt.

          Bleiben Aufträge liegen?

          Das ist eigentlich eine schöne Sache, mag man denken. Allerdings gibt es auch Haken. Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger entgegnete den Forderungen der IG Metall, dass ein Anspruch auf Arbeitszeitverkürzung den Fachkräftemangel weiter verschärfen würde. Schon heute blieben wegen Personalmangels Aufträge liegen.

          Betriebe, die nur wenige Mitarbeiter beschäftigen, haben zudem aus organisatorischen Gründen kaum eine Chance, auf jeden Wunsch ihrer Mitarbeiter einzugehen. Denn wenn einer wegfällt, muss ein anderer einspringen. Je weniger Leute da sind, desto schwieriger wird das. Auch rechtlich liegen den Unternehmen, kleinen wie großen, einige Steine im Weg, spontan für kurze Zeit jemanden neu einzustellen. Zeitarbeit gilt zum Beispiel als verpönt.

          Auch gibt es genau an dieser Stelle einen Haken für die Arbeitnehmer: Je mehr Leute ihre Arbeitszeit flexibel und natürlich möglichst spontan einteilen wollen, desto öfter müssen die Kollegen flexibel einspringen. Das wiederum steigert den Stress und damit erst recht den Wunsch, mehr Zeit zum Durchschnaufen zu bekommen. So war das nicht gedacht. Flexibilität hat ihren Preis - für alle.

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