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Evolution statt Revolution : Nachrichten aus dem Apple-Mixer

  • -Aktualisiert am

Apple-Manager Roger Rosner stellt im kalifornischen Cupertino das neue Angebot „Apple News+“ vor. Bild: AFP

Journalismus aus dem Hause Apple? Mit seinen neuen News-Apps mischt der Konzern die Zeitungswelt gehörig auf. Doch nicht nur Verlage sollten skeptisch sein – auch für Leser stellen sich wichtige Fragen.

          So tickt Tim Cook: Der Vorstandsvorsitzende von Apple ist nicht derjenige, der die großen Überraschungen aus dem Hut zaubert. Anders als sein Vorgänger Steve Jobs gibt es Fortschritt unter Cook nur als Evolution – das einzige wirklich von Grund auf neue Produkt von ihm waren bisher die kabellosen Airpod-Kopfhörer. Aber Cook ist ein akribischer Arbeiter, wenn es darum geht, sein Unternehmen effizienter und die Produkte Schritt für Schritt besser zu machen. Dazu gehören im zunehmenden Maße auch Dienstleistungen, die speziell für die Apple-Hardware entwickelt werden. So wie Jobs einst die Einheit von Hard- und Software gepredigt hatte, muss man unter Cook nun einen Dreiklang nennen: Hardware, Software und Dienstleistungen kommen in seiner idealen Apple-Welt künftig aus einer Hand.

          Für Musik und auch für Speicherplatz in der Cloud gilt das schon länger. Und jetzt sind, zunächst in Amerika, Angebote rund um Videos, Zeitschriften, Zeitungen, Videospiele sowie eine virtuelle Kreditkarte hinzugekommen. Die Logik dahinter: Die Margen dieser Angebote sind sehr hoch; Kunden schätzen es möglicherweise, alles aus einer Hand kaufen zu können – und Apple hat die Kontrolle über ein (auch optisch) perfekt für die Plattform aufbereitetes Nutzererlebnis. Wo sich das Wachstum des iPhone-Verkaufs wegen der immer längeren Nutzungsdauer und Haltbarkeit der Geräte abschwächt, sollen also Abogebühren die Ergebnislücke ausgleichen helfen. Die Chancen, dass das klappt, stehen gar nicht so schlecht.

          Dazu muss der Europäer wissen, dass viele Ankündigungen von Apple in Deutschland und seinen Nachbarländern zunächst keine Relevanz haben; sie sind also ein Blick in die Zukunft. So gibt es hierzulande bisher noch nicht einmal die Apple-News-App, die Nutzer müssen sich mit einem kleinen Widget auf dem Nachrichtenbildschirm eines iPhone begnügen, den man erreicht, wenn man auf dem Bildschirm nach links wischt. In den Vereinigten Staaten hingegen werden Texte aus diversen Medien längst in einer eigenständigen App aufbereitet, die den Angeboten einzelner Medienhäuser erhebliche Konkurrenz macht.

          Hinzu kommt nun der Service „Apple News+“, der für 9,99 Dollar im Monat im Rahmen einer Flatrate Zugang zu insgesamt rund 300 Zeitschriften bietet. Das Zeitschriftenangebot ist überzeugend in Auswahl und optischer Darstellung. Im Dialog mit Zeitungsverlagen hingegen war Apple nicht ganz so erfolgreich. Die „Los Angeles Times“ ist dabei, auch das „Wall Street Journal“. Doch das war es. Die „New York Times“ oder die „Washington Post“ hingegen fehlen.

          Und das aus gutem Grund: Es wird nicht nur kolportiert, dass Apple die Hälfte der ohnehin recht geringen Einnahmen für sich behält, es schiebt sich auch als Plattform zwischen den Anbieter der Texte und seine Leser. Die direkte Kundenbeziehung geht verloren. Daten werden nicht übermittelt – aus der Sicht der Nutzer je nach Betrachtungsweise möglicherweise ein Vorteil – für die Verlage aber ein großes Problem: Wie soll man mit seinen Lesern kommunizieren, wenn man sie nicht kennt? Für die Anbieter von Videospielen oder Videoangeboten dürfte die Lage ähnlich aussehen, wenn sie sich von der Reichweite, die Apple mit seinen Produkten erzielt, einfangen lassen.

          Alle Marken, die an Bord des großen Apple-Mutterschiffes gehen, müssen wissen, dass sie Gefahr laufen, an eigener Strahlkraft einzubüßen. Dabei ist die Marke stets das Wertvollste, das ein Unternehmen hat. Die Zukunft? Letztlich ist es immer ein Produkt von Apple, der nicht ohne Grund wertvollsten Marke der Welt. Ebendort wird man künftig Journalismus finden. Die Texte, die man liest, werden dann ganz oder in Teilen ausgewählt von einer Apple-Redaktion.

          Darüber sollten auch die Leser nachdenken, die davon träumen, immer das beste Stück aus einer großen Zahl von Anbietern ausgewählt zu bekommen: Sie bekommen zwar auf den ersten Blick eine größere Vielfalt, aber es stellen sich wichtige Fragen: Wer wählt die Nachrichten eigentlich wie aus? Nach welchen Kriterien, mit welchen Zielen im Hinterkopf? Ist das dann vertrauenswürdiger, als Nachrichten und Kommentare von einer Medienmarke zu beziehen, die mit derselben seit Jahrzehnten Tag für Tag um ihr Vertrauen in der Zielgruppe kämpfen muss? Von der man weiß, wie Nachrichten finanziert werden, wem die Zeitung gehört, welche Linie sie verfolgt?

          Apple stopft die Texte in einen Mixer. Es kann sein, dass das die Orientierung verbessert. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass genau das Gegenteil der Fall ist, dürfte erheblich größer sein.

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          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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