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Amazons Deutschlandchef : Mehr Mut, bitte!

  • -Aktualisiert am

Mehr als 80 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland exportierten ihre Produkte schon an Kunden in aller Welt. Bild: dpa

Deutsche Mittelständler kommen in der Digitalisierung nicht voran? So ein Unsinn. Sie sind erfolgreicher, als viele denken. Ein Gastbeitrag.

          Mitte April hat die Bundesregierung ihre Wachstums-Prognose für Deutschland nahezu halbiert. Das zeigt einerseits, wie herausfordernd es ist, korrekte Vorhersagen zu erstellen. Andererseits wirft es die Frage auf: Wie robust sind deutsche Unternehmen eigentlich, wenn es in der Weltwirtschaft ruckelt?

          Auch Amazon kann keine exakten Prognosen darüber abgeben, wie sich die Gesamtwirtschaft entwickelt. Immer wieder aufs Neue erlebe ich jedoch, wie Tausende kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU), mit denen wir zusammenarbeiten, digitale Chancen nutzen.

          Diese KMU erschließen sich über Amazon neue Absatzmärkte und verkaufen Waren in alle Welt – eigene innovative Produkte, Handwerkskunst, Alltägliches, aber auch Dienstleistungen oder geschriebene, gesprochene oder verfilmte Inhalte. Vieltausendfach sehe ich Mut machende Beispiele von Menschen, die ihre eigene Zukunft unternehmen und sich damit zunehmend unabhängig machen dürften von kurzfristigen Dellen in der lokalen Konjunktur.

          Daher sage ich aus voller Überzeugung: Mehr Mut, bitte! Ungünstige Prognosen sollen sich nicht schon deshalb erfüllen, weil wir an sie glauben.

          Innovations-Weltmeister Deutschland

          Allen Unkenrufen zum Trotz digitalisieren sich landauf, landab KMU. Der alten Leier vom deutschen Problem mit der Digitalisierung kann ich nicht folgen. Ich sehe keine neue Form der Digitalwirtschaft, sondern einen Aufschwung der Wirtschaft, die digital geht.

          Ein Report des Weltwirtschaftsforums sieht Deutschland sogar als Innovations-Weltmeister. Weit verbreitet sind inzwischen Dienste, die das Leben verändern - vom alltäglichen Online-Einkauf über Sprachsteuerung bis zum teil-autonomen Fahren. Mittendrin: Deutsche Unternehmen, Forscher und Entwickler.

          Ralf Kleber ist der Deutschlandchef des Internetunternehmens Amazon.

          Der Standort Deutschland ist robuster als andere. Er bietet Top-Arbeitskräfte, Unternehmergeist im Mittelstand und natürlich die vielen begeisterungsfähigen Kunden.

          In Deutschland finden wir die perfekte Mischung aus lokalen Experten, die wir beispielsweise brauchen, um Künstliche Intelligenz schlauer zu machen, und neuen Kollegen, die aus dem Ausland gern hierher ziehen. Standorte folgen Talenten – diese Einsicht brachte einen großen Teil unserer Forschung nach Deutschland, das schon in den neunziger Jahren an vorderster Front im Bereich der Künstlichen Intelligenz mitwirkte.

          Amazon ist längst Teil der hiesigen Forschungslandschaft geworden. Dieses unter anderem durch Partnerschaften mit dem Berliner Big Data Center oder dem Max-Planck-Institut für intelligente Systeme in Tübingen.

          Sie trauen sich, Neues zu probieren

          Ein weiterer wichtiger Faktor für uns sind unsere Partner im Mittelstand. Für kleine und mittlere Unternehmen ist es oft einfacher, digitale Innovationen umzusetzen. Warum? Sie können meist auf kurzen Wegen entscheiden, sie trauen sich, Neues auszuprobieren und Dinge schnell zu verändern. Das ist heute wichtiger denn je, um den digitalen Fortschritt zu gestalten.

          Nehmen Sie das Beispiel des Unterwäsche-Produzenten HERMKO auf der Schwäbischen Alb. Als der Absatzmotor ruckelte, entschied sich das Unternehmen, sein Glück im E-Commerce zu suchen und stellte im Jahr 2010 eine kleine Auswahl seiner Produkte online. Heute schickt das Unternehmen täglich etwa zwei Lastwagen-Ladungen an Kunden in ganz Europa, von den Kanarischen Inseln bis nach Schweden. Mehr als 75.000 Jobs sind so in Unternehmen in Deutschland entstanden, die ihre Produkte auch über Amazon verkaufen.

          Vieles davon ist möglich, weil das Internet den Export drastisch vereinfacht hat – gerade auch für kleine und mittelgroße Unternehmen. Ein wachsender Anteil der „Hidden Champions“ floriert so auch dank der grenzenlosen Chancen, die der Onlinehandel bietet.

          Mit digitalen Infrastrukturen kann ein Unternehmen wie HERMKO von der Schwäbischen Alb Kunden auf der ganzen Welt erreichen, ohne eine eigene Logistik aufbauen zu müssen. Kosten sinken und Sprachbarrieren verschwinden nahezu dank automatisch übersetzter Produktkataloge.

          Nur wenige Länder sind besser in der Lage, diese Möglichkeiten zu nutzen als der „Exportweltmeister“ Deutschland. Allein im Jahr 2018 exportierten in Deutschland ansässige KMU Waren im Wert von mehr als 2,5 Milliarden Euro über Amazon, ein Anstieg von rund 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

          Den größten Beitrag zu diesen Umsätzen leisteten die KMU aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Berlin. Zehntausende kleine und mittelgroße deutsche Unternehmen exportierten im vergangenen Jahr mehr als 90 Millionen Produkte an Millionen Kunden außerhalb Deutschlands. Mehr als 80 Prozent der deutschen KMU exportierten ihre Produkte schon an Kunden in aller Welt, zum Beispiel in Ländern wie Sri Lanka, Jordanien oder Trinidad und Tobago. Diese Zahlen zeugen nicht von Verzagtheit – sondern von Unternehmergeist und Mut.

          Ralf Kleber ist Deutschland-Chef des Internetunternehmens Amazon.

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