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Gaia-X : Göttername für Altmaiers europäische Super-Cloud

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat sich jüngst auf einer Reise durchs Silicon Valley inspirieren lassen. Bild: Picture-Alliance

Die vernetzte Industrie muss mehr Daten verarbeiten. Der deutsche Wirtschaftsminister will darum eine Alternative zu Amazon und Microsoft schaffen – jetzt stehen die Eckpunkte fest.

          Europa soll seine eigene Cloud bekommen. Die Speicher- und Rechenleistung vernetzter Computer ist der Schlüssel für die Zukunft der Industrie, insbesondere für neue Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz. Nun werden die Pläne von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) konkreter. Er plant eine Art Wolken-Netzwerk: Cloud-Anbieter, insbesondere kleinere, sollen sich über ein offenes Netzwerk miteinander verknüpfen und so Europa mit Rechenkraft versorgen. „Gaia-X“ soll die Cloud heißen, wie aus einem internen Papier hervorgeht, das FAZ.NET vorliegt – wie die Göttin in der griechischen Mythologie, die für die Erde steht.

          Hendrik Wieduwilt

          Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Für das Projekt soll eine neue Organisation gegründet werden, die Technik und Regelwerk der Cloud steuert. Altmaier stört sich schon seit längerem daran, dass deutsche Unternehmen, aber auch der Staat auf die Dienste amerikanischer Unternehmen zurückgreifen müssen, wenn sie große Datenmengen speichern und vernetzen wollen. Die dominierenden Namen im Cloudgeschäft heißen Google, Amazon und Microsoft. Zwar sind deren Dienste komfortabel, doch es gibt Bedenken, wie sicher die Daten auf den amerikanischen Servern sind. Besonders Industrieunternehmen fürchten sich davor, ausspioniert zu werden.

          Technisch erwägt man im Ministerium einen „virtuellen Hyperscaler“. Hyperscaler ist eine Umschreibung für die Art von Cloud, die Giganten wie Microsoft, Amazon und Google anbieten: vernetzte Computer, die je nach Bedarf auf Zuruf extrem viel Rechen- und Speicherkraft anbieten. Virtuell ist der Hyperscaler deshalb, weil Europa eben kein Google hat – die vernetzten Rechner sollen aber zusammen eines ersetzen, so vereinfacht gesagt die Idee. Das Versprechen: Ausfallsicherheit und schnell lieferbare Rechenkraft wie von den amerikanischen Marktführern. Die Daten würden über offene Schnittstellen innerhalb des Gaia-X-Ökosystems getauscht. Das Netzwerk soll dazu in einer Rechtsform organisiert sein. Die Kunden müssten Verträge mit Gaia-X schließen.

          „Kurz vor dem Durchbruch“

          Das Wirtschaftsministerium wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern, welche Unternehmen Teil der Cloud sein werden und mit wie viel Geld das Ministerium deren Aufbau fördert. Altmaier sagte nur so viel: „Wir brauchen eine europäische Dateninfrastruktur gerade auch als Grundlage für einen Datenpool für Künstliche Intelligenz. Wir stehen hier kurz vor dem Durchbruch. Ich bin zuversichtlich, dass wir in den nächsten Tagen hierzu konkrete Umsetzungsschritte bekanntgeben können.“

          Während seiner Reise in die Vereinigten Staaten im Juli hatte Altmaier mit Blick auf die europäische Cloud gesagt, er sei im Gespräch mit Unternehmen der Plattform Industrie 4.0. Diese wird von Frank Melzer angeführt, Vorstand des Maschinenbauers Festo. Neben Industrieunternehmen wie Bosch und Siemens sind mit SAP und Telekom auch IT- und Telekommunikationsunternehmen Teil der Plattform. Klar ist: Die Bundesregierung sieht sich nicht nur als Impulsgeber für die Cloud, sondern will als Nutzer der Cloud eine „Schlüsselrolle“ einnehmen, wie es in dem Papier heißt.

          Kommende Woche sollen die abschließenden Gespräche mit den beteiligten Unternehmen geführt werden. Altmaier will in seinen Cloud-Plänen auch schon bestehende Initiativen einbinden. Ob auch die noch im Aufbau befindliche „Bundes-Cloud“ unter Federführung des Bundesinnenministeriums Bestandteil werden kann, ist unklar, auch wenn man dort von Altmaiers Projekt weiß. Ebenso offen ist die Frage, ob sich auch amerikanische Anbieter wie Microsoft an einer europäischen Plattform beteiligen dürfen. Immerhin gibt es nicht nur Vorbehalte gegenüber dem chinesischen Telekommunikationskonzern Huawei, sondern auch gegenüber den Geheimdienstaktivitäten der Vereinigten Staaten.

          Bei so manchem Unternehmen hält sich die Begeisterung über die europäische Cloud in Grenzen. So gibt es noch keine Antwort auf die Frage, wie aus dem Netzwerk ein funktionsfähiges Geschäftsmodell entstehen soll. Der Verdacht liegt nahe, dass die öffentliche Hand Hauptkunde sein wird. Eines der beteiligten Unternehmen äußert Zweifel, ob die technische Lösung in Gestalt eines Hyperscalers überhaupt machbar ist, da es an europäischer Hardware fehle. Es dürfe gerade nicht darum gehen, Konkurrenz zu Hyperscalern wie Microsoft oder dem chinesischen Anbieter Alibaba aufzubauen. Altmaiers oft bemühte Analogie zum europäischen Flugzeughersteller Airbus gehe fehl, ein solches transnationales Unternehmen werde nicht funktionieren. Stattdessen brauche es technische Lösungen, um europäische Datensouveränität in bestehenden Clouds sicherzustellen. Noch ist freilich unklar, in welcher Form Gaia-X laufen soll. Ob als Unternehmen, Verein oder Stiftung – alles ist denkbar.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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