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Bürgerinitiativen : Gerne überall 5G – aber bitte keinen Mast vor der eigenen Tür

Neue Mobilfunk-Landschaft: Sendemast neben der Autobahn 9 und der ICE-Strecke nach Berlin. Bild: obs

Der neue Mobilfunk braucht Glasfaserkabel und Tausende neue Sendemasten. Das bekommen Netzbetreiber zu spüren – und Bürger gehen auf die Barrikaden.

          Es ist ein bisschen wie mit den verhassten Stromautobahnen für die Energiewende: Alle wollen schnellen Mobilfunk – am liebsten sogar 5G überall –, aber bitte ohne neue Sendemasten und Antennen in der Nachbarschaft. Kommunalverwaltungen verweigern Genehmigungen. Es formieren sich, wie auf der Rohrer Höhe bei Stuttgart, Bürgerinitiativen. Städte wie Esslingen weigern sich, eigene Gebäude an Mobilfunkkonzerne zu vermieten. Vereinfachte und beschleunigte Genehmigungsverfahren für Antennenstandorte stehen deshalb für die Deutsche Telekom weit oben auf ihrer Wunschliste für einen schnelleren Aufbau des 5G-Netzes. „Die USA und Asien machen es vor“, heißt es in einem Acht-Punkte-Programm der Telekom für den Netzausbau, das Vorstandschef Tim Höttges auf einem „Netzgipfel“ in Berlin präsentiert hat.

          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Bedarf an neuen Antennen für 5G scheint gewaltig. Vergangene Woche kursierten gigantische Zahlen. Eine Studie der Beratungsgesellschaft WIK kommt auf eine Dreiviertelmillion für ganz Deutschland. Das wäre ein Vielfaches dessen, was die Netzbetreiber bis jetzt mit den Vorgängerstandards LTE/4G und UMTS/3G aufgebaut haben. Bezogen auf die Gesamtfläche Deutschlands, würden damit auf jedem Quadratkilometer mehr als zwei Masten stehen. Immer wieder wird die Summe von 60 Milliarden Euro kolportiert, die der 5G-Ausbau in Deutschland kosten soll. Doch ganz so einfach sind die Bedarfsrechnungen nicht. Die Anzahl notwendiger Masten hängt von der eingesetzten 5G-Frequenz ab. Im Frühjahr wird ein Spektrum in den Bereichen 2 und 3,6 Gigahertz versteigert. In diesen hohen Bereichen stehen zwar hohe Bandbreiten zur Verfügung, zugleich aber ist die Reichweite klein. „Um zur Flächendeckung vor allem in ländlichen Regionen zu gelangen, müssen Frequenzen unterhalb von 1 Gigahertz verwendet werden“, konstatiert der Industrieverband BDI.

          Derzeit legen Netzbetreiber mit dem laufenden 4G-Ausbau erste Fundamente für 5G. In diesem Sommer hat allein die Telekom mehr als 400 neue Mobilfunkstandorte in Betrieb genommen, gut 27.000 sind es insgesamt. Bis 2021 sollen rund 9000 hinzukommen, so dass ihr Netz dann 36.000 Standorte umfassen wird. Zusätzlich sind Tausende von kleinen Funkzellen geplant, um die Versorgung in Gebieten mit besonders hoher Nachfrage, Hochhäusern und öffentlichen Gebäuden sicherzustellen. „Digitalisierung braucht Infrastruktur“, umschreibt Claudia Nemat, Vorstand für Technologie und Innovation, den langen Weg zu 5G. Die Milliardensummen für die neuen Frequenzen, die im Frühjahr unter den Hammer kommen sollen, sind nur der Anfang. Richtig teuer wird es erst danach, wenn die Technik aufgebaut werden muss.

          Telekom investiert 20 Milliarden Euro

          Angefangen haben die Netzbetreiber schon. In Berlin betreibt die Telekom seit Herbst ein kleines Testnetz, um Erfahrungen mit dem neuen Mobilfunkstandard zu sammeln. Auf dem Autotestgelände in Aldenhoven bei Aachen hat Vodafone vor kurzem die nach Angaben des Unternehmens „erste echte 5G-Station“ aufgebaut. In der Fläche arbeiten die Mobilfunker aber erst einmal daran, die Versorgung mit LTE zu verbessern. Das zahlt unmittelbar auf den kommenden 5G-Ausbau ein. Ähnlich wie für LTE alte UMTS-Standorte umgerüstet werden, wird auch der neue Standard auf bestehender Technik und Infrastruktur aufsetzen. „Wer flächendeckend 5G in Deutschland haben will, sollte also erst einmal dafür sorgen, dass die Lücken im LTE-Netz geschlossen werden“, sagt ein Telekom-Manager. Beim Antennenausbau hat der Bonner Telefonriese die Nase bisher vor den Konkurrenten Vodafone und dem O2-Anbieter Telefónica. Denn dabei kann die Telekom ihren Vorsprung im Festnetz ausspielen. Um die enormen Datenmengen in Lichtgeschwindigkeit abzuführen und Reaktionen praktisch in Echtzeit zu ermöglichen, müssen die Mobilfunkanlagen an Glasfasernetze angeschlossen werden.

          Auch für 5G gilt die Branchen-Erkenntnis: Mobilfunk ist nichts anderes als Festnetz über das Handy. So müssen in vielen Regionen die Bagger anrollen, um alte und neue Sendemasten mit leistungsfähigen Kabeln zu versehen. Für die Telekom zahlt es sich aus, dass sie in den vergangenen Jahren ihr Glasfasernetz systematisch näher an die Wohnbebauung herangeschoben hat, um höhere Leistungen im Festnetz zu ermöglichen. Rund 500.000 Kilometer Lichtleiter sind schon verlegt, jedes Jahr sollen 60.000 Kilometer hinzukommen, kündigte Höttges an. Insgesamt werde der Konzern für seinen Netzausbau in Deutschland bis 2021 weitere 20 Milliarden Euro investieren.

          Vodafone zieht nach. In vielen Gewerbegebieten und Landgemeinden verlegt der Düsseldorfer Telekom-Konkurrent eigene Glasfaseranschlüsse bis in die Häuser. Der seit einem Jahr laufende Investitionsplan umfasst 2 Milliarden Euro bis 2021. In der Fläche hat der Konzern aber vor allem durch den Kauf von Kabel Deutschland kräftig zur Telekom aufgeschlossen. In weiten Teilen der Republik kann Vodafone schon auf ein engmaschiges Fernsehkabelnetz für die 5G-Infrastruktur zurückgreifen.

          Das Rennen hat gerade erst begonnen

          Nach der elf Milliarden Euro teuren Kabel-Deutschland-Übernahme steht jetzt der nächste Megadeal an: der Kauf von Unitymedia. Wenn die Wettbewerbsbehörden mitspielen, bekommt Vodafone auch in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg Zugriff auf eigene Leitungen für die Anbindung seiner Basisstationen. Die Ausgangsposition für 5G werde sich dadurch erheblich verbessern, sagt Torsten Gerpott, Professor für Telekommunikationswirtschaft an der Uni Duisburg-Essen. Das ist auch ein Grund, warum Vodafone bereit ist, für Unitymedia inklusive der kleineren Beteiligungsgesellschaften in Osteuropa mehr als 18 Milliarden Euro hinzublättern.

          Von solchen Möglichkeiten kann Telefónica nur träumen. Der deutlich kleinere Konkurrent steckt in einem strategischen Engpass. Er ist der einzige im Trio, der praktisch kein eigenes Festnetz besitzt. Zugleich sind die Investitionsmöglichkeiten begrenzt. Und zwar schon deshalb, sagt Gerpott, weil der spanische Mutterkonzern seine Deutschland-Gesellschaft finanziell eher knapp halte. Vorstandschef Markus Haas tut so, als lasse sich aus der Not eine Tugend machen. Er setzt auf Mietleitungen und Kooperationen und hält das sogar für den besseren Weg: „Da sind die Preise im freien Fall. Man muss die Glasfaser nicht zwingend besitzen.“

          Einen großen Teil seiner Antennen lässt Telefónica von der NGN Fiber Network verkabeln. Im Sommer hat das unterfränkische Unternehmen begonnen, mindestens 1500 Standorte mit Glasfaser anzubinden. Aber Haas scheut auch nicht die Zusammenarbeit mit dem Erzrivalen Telekom. So haben die beiden vereinbart, dass die Telekom mehr als 5000 Mobilfunkstandorte von Telefónica an ihre Glasfaserinfrastruktur anschließt. Über die Preise ist noch nichts nach außen gedrungen. Aber wenn man Telekom-Deutschland-Chef Dirk Wössner zuhört, scheint es für die Telekom ein lohnendes Geschäft zu sein. Wössner jedenfalls erwartet, dass die Telekom jetzt zusätzliche Mittel in den eigenen Netzausbau und die Entwicklung von 5G stecken kann. Das Rennen um die Infrastruktur – es hat gerade erst begonnen.

          ENDSPURT FÜR 5G Der neue Mobilfunkstandard für die Digitalisierung, Teil 4

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