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Fahrverbote spalten Hamburg : „Für uns ist das richtig übel“

Ein Fahrverbotsschild für Fahrzeuge mit Diesel-Motor bis Euro5 steht an der Max-Brauer-Allee. Bild: dpa

Seit der Nacht auf Donnerstag richten sich alle Augen auf Hamburg und die bundesweit ersten Dieselverbote. Vor Ort gehen die Meinungen auseinander: Während Umweltschützer weitere Schritte fordern, reagieren Anlieger und Autofahrer empört.

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          Auf der Max-Brauer-Allee in Hamburg ist am Vormittag eine Menge los. Reporter von RTL, ZDF, und NDR haben ihre Kameras am Straßenrand aufgebaut, auch ausländische Fernsehsender sind gekommen. Radioreporter halten Anwohnern ihre Mikrofone unter die Nase, Online- und Print-Journalisten laufen mit gezücktem Notizblock durch die Gegend und fragen nach Stellungnahmen.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Auch der Umweltverband Greenpeace ist präsent. Er hat sich in Mannschaftsstärke an der Einfahrt zu dem rund 580 Meter langen Straßenabschnitt aufgebaut, an dem Deutschlands erstes Fahrverbot für Diesel-PKW gegen Mitternacht in Kraft getreten ist. Die Umweltschützer finden diesen Schritt absolut richtig, er geht ihnen aber nicht weit genug. „Wir fordern saubere Luft für alle“, sagt Benjamin Stephan, der in weißem Greenpeace-Shirt in der knallenden Sonne steht. Der Senat müsse Diesel-Autos komplett aus der Innenstadt verbannen.

          Als erste Stadt in Deutschland hat Hamburg in der Nacht zum Donnerstag zwei insgesamt gut zwei Kilometer lange Straßenabschnitte für Fahrzeuge sperren, die nicht der Abgasnorm Euro 6 entsprechen: Neben dem Abschnitt der Max-Brauer-Allee gehört dazu eine rund 1,6 Kilometer lange Strecke der stark befahrenen Stresemannstraße. Dieser soll aber nur für ältere Diesel-Lkw gesperrt werden, nicht für Personenwagen. Ziel des Verbots ist die Senkung der Stickoxidbelastung, die an beiden Straßen über dem von der EU vorgeschriebenen Grenzwert liegt. Ausgenommen von den Verboten sind allerdings Rettungs- und Sanitätsfahrzeuge, Anwohner und ihre Besucher, Lieferfahrzeuge und Taxis, sofern sie Passagiere aufnehmen oder absetzen.

          Für die Anwohner ist es „richtig übel“

          Während an der Stresemannstraße und der Max-Brauer-Allee die Belastung sinkt, dürften angrenzende Quartiere mit mehr Verkehr rechnen. Etwa an der angrenzenden Holstenstraße, die als Ausweichroute für Autofahrer gilt, die von Norden kommen und den Bahnhof Altona erreichen wollen. Hier sind die Anwohner sauer.

          „Saubere Luft für alle“?: Wegen zu schmutziger Luft gilt ab heute in Hamburg auf einigen Straßen ein umstrittenes Fahrverbot für Fahrzeuge mit Diesel-Motoren bis Euro5.

          Zum Beispiel Torsten Landsiedel, ein junger Webdesigner, der mit seiner Frau und seinem kleinen Kind an der Holstenstraße wohnt. Der Verkehr habe sich schon spürbar verstärkt, sagt er – und zwar nicht erst seit heute Nacht, sondern bereits seit dem Zeitpunkt, an dem die zunächst noch mit Plastikkreuzen ungültig gemachten Verbotsschilder aufgestellt worden seien. Schon dann hätten Autofahrer reagiert und seien auf die Umleitung ausgewichen, die direkt an seinem Haus vorbeiführt. „Für uns ist das richtig übel“, sagt Landsiedel. „Die Schadstoffbelastung war schon vorher hoch, aber jetzt wird sie weiter steigen.“ Er verstehe nicht, was die Maßnahmen brächten, wenn sich der Verkehr und damit auch die Abgase in andere Straßen verschöben.

          Auch in der östlich gelegenen Harkortstraße sind die Anwohner besorgt. Hier gibt sogar der Hamburger Senat offen zu, dass es zu Mehrbelastungen kommen könnte – und liegt dabei offenbar richtig. „Ich habe das Gefühl, dass es heute Nacht schon deutlich lauter war“ sagt Laura Asensio, eine junge Spanierin, die seit sieben Monaten in einer Mietswohnung an der Harkortstraße lebt und für den Flugzeugbauer Airbus arbeitet. Natürlich sei das „ärgerlich“, sagt sie. Aber Asensio rechnet damit, dass die Schwierigkeiten nur vorübergehend sind. „Ich bin sicher, dass es nicht bei einzelnen Straßen bleiben wird, sondern dass bald ganze Zonen dichtgemacht werden“, sagt sie. Dann sei endgültig Ruhe.

          Auch die Autofahrer sind sauer

          Lutz Meyer, ein Unternehmensberater, der in derselben Straße wenige Häuser weiter wohnt, fordert, dass die Politik direkt an der Quelle ansetzt und dafür sorgt, dass Dieselautos sauberer werden. Die jetzt gestarteten Verbotszonen hält er für „völligen Unsinn“. „Der Senat hat den Verkehr nur um zwei Messstationen herumgeleitet und verursacht damit noch mehr Chaos“, sagt er.

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