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Autobranche : So viele deutsche Arbeitsplätze sind in Gefahr

Die Arbeitsplätze dieser Leipziger BMW-Mitarbeiter dürften sicher sein: Sie bauen ein Elektroauto, den BMW i3. Bild: dpa

Strenge CO2-Vorgaben führen zu Entlassungen, warnen Zulieferer und Hersteller. Derweil streitet die Koalition über die Einigung – und Merkel ändert munter ihre Position.

          In der deutschen Autobranche wächst die Sorge um Arbeitsplätze, wenn Grenzwerte für das Treibhausgas Kohlendioxid stark steigen. Elmar Degenhart, der Vorstandsvorsitzende des Autozulieferers Continental, sagte der F.A.Z., sein Unternehmen könne Warnungen vor einem umfassenden Stellenabbau „völlig nachvollziehen“. Der Übergang zur Elektromobilität sei tiefgreifend und umwälzend.

          „Wenn er erzwungenermaßen zu schnell abläuft und dabei Mitarbeiter nicht ausreichend darauf vorbereitet werden, dann wird es zwangsläufig zum Verlust von Arbeitsplätzen kommen“, sagte Degenhart. „Dies würde dann vor allem in jenen Ländern der Fall sein, in denen die Automobilindustrie heute wirtschaftlich eine bedeutende Rolle spielt.“

          100.000 VW-Arbeitsplätze gefährdet

          Der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen-Konzerns, Herbert Diess, hatte sich zuvor ähnlich geäußert. Würde der Kohlendioxid-Ausstoß für Neufahrzeuge bis zum Jahre 2030 um 40 Prozent gesenkt, könnten bei Volkswagen rund 100.000 Arbeitsplätze wegfallen, sagte Diess der „Süddeutschen Zeitung“. Der VW-Chef hält eine Senkung um 30 Prozent für vertretbar.

          Am Mittwoch hatten sich die Umweltminister der Europäischen Union darauf geeinigt, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2030 um 35 Prozent senken zu wollen. Der endgültige Grenzwert wird in der nächsten Zeit in einem Austausch zwischen Europäischer Kommission, Europäischem Parlament und den Mitgliedstaaten festgelegt.

          Halbe Million Arbeitsplätze von Verbrenner abhängig

          Klar ist, dass die künftigen Grenzwerte und der damit verbundene Übergang zur Elektromobilität die Autobranche in Europa verändern wird. Heute hängen nach Angaben des europäischen Herstellerverbandes Acea die Arbeitsplätze von rund 13,3 Millionen Europäern direkt oder indirekt von der Autobranche ab. Das entspricht etwa 6 Prozent aller Arbeitsplätze in der EU. In Deutschland sind gut 2 Millionen Arbeitnehmer mit der Autobranche direkt oder indirekt verbunden, also gut 4 Prozent der derzeit Erwerbstätigen. Wie sich diese Zahl ändern wird, wenn mehr Elektroautos auf die Straße kommen, ist noch nicht ausgemacht.

          Im vergangenen Jahr hatte das Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut im Auftrag des Verbandes der Automobilindustrie berechnet, dass bis zu 426.000 Arbeitsplätze in der deutschen Autobranche heute vom Verbrennungsmotor abhängen. Das entspreche rund 10 Prozent der Beschäftigten in der deutschen Industrie.

          Im Juni präsentierten das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und die Gewerkschaft IG Metall Zahlen, dass bis zum Jahr 2030 allein in der Motor- und Getriebeproduktion 75.000 bis 109.000 Arbeitsplätze wegfallen könnten, weil mehr Elektroautos auf die Straße kommen. Die Höhe des Abbaus hängt dabei davon ab, wie hoch der Marktanteil von Elektroautos bis Ende des nächsten Jahrzehnts ausfällt. Einberechnet ist darin schon, dass Hersteller und Zulieferer etwa 25.000 neue Stellen für Komponenten oder Batterien aufbauen.

          Scheuer greift Schulze an

          Auch in Berlin geht die politische Debatte um den Kompromiss weiter, auf den sich die EU-Umweltminister geeinigt haben. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) kritisierte dabei die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). „Man kann so oder so verhandeln“, sagte Scheuer der „Bild“-Zeitung. „Es wurde eben nur so verhandelt, man könnte es halbherzig nennen, dass ein schlechterer Wert rauskam als in der Bundesregierung vereinbart.“

          Die Bundesregierung wollte sich ursprünglich dafür einsetzen, dass die CO2-Emissionen der Neuwagen in Europa bis zum Jahr 2030 nur um 30 Prozent sinken sollen. Für diesen Wert hatte auch die Europäische Kommission plädiert.

          Bemerkenswert ist dabei, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) innerhalb weniger Wochen offensichtlich eine Kehrtwende vollzogen hat. Der Kommissionsvorschlag sei eine vernünftige Grundlage für Verhandlungen, sagte Merkel auf dem Tag der Deutschen Industrie vor zweieinhalb Wochen. „Alles, was darüber hinausgeht, birgt die Gefahr, dass wir die Autoindustrie aus Europa vertreiben und sie dann anderswo Autos produzieren, die wir dann hier kaufen. Das will ich nicht. Das sage ich ausdrücklich.“ Am Mittwoch hatte sie den Kompromiss dann als „gutes Ergebnis“ gelobt.

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