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Falscher Corpsgeist : Im Sog der Dieselbetrüger

Verblichene VW- und Audi-Logos an einem Güterwagon vor dem Werk Mosel in Zwickau. Bild: dpa

Erst der Ruf, dann der Vorsprung: Die zögerliche Aufarbeitung des Dieselskandals durch VW droht die gesamte deutsche Autoindustrie in den Abgrund zu reißen. Ein Kommentar.

          In Wolfsburg fällt eine Verteidigungslinie nach der anderen. Die These von Übergangschef Müller, der Vorstand von VW habe von nichts gewusst – betrogen hätten nur ein paar Dutzend Motorenentwickler – löste sich in Luft auf, als die amerikanische Justiz Haftbefehl für seinen Vorgänger Winterkorn erließ, der Deutschland nicht mehr verlässt, da ihm in Amerika 25 Jahre Haft drohen.

          Jetzt sitzt mit Audi-Chef Stadler ein Mitglied des VW-Vorstands in deutscher Untersuchungshaft, wegen Verdunkelungsgefahr, wie die Staatsanwaltschaft München sagt. Wie eine Bombe platzte diese Nachricht in eine reguläre Aufsichtsratssitzung von Volkswagen. Praktischerweise konnten die Kontrolleure dann gleich den Nachfolger von Stadler bestimmen, für den selbstverständlich die Unschuldsvermutung gilt.

          Warum die Führungsspitze von Audi nicht viel früher abgelöst wurde, ist das Geheimnis des VW-Aufsichtsrats und der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch. Weil Stadler niemals an der Spitze der Aufklärer stand, sondern im Dieselskandal stets beschwichtigte und verschleppte, fordern viele schon lange seinen Rücktritt.

          Aufarbeitung gemäß Salamitaktik

          Inzwischen ist klar, dass Audi die Keimzelle des Abgasbetrugs im VW-Konzern war. Hier wurde die Software für die Steuerung der Motoren entwickelt, die millionenfach in den Marken VW, Audi, Porsche, Skoda und Seat eingebaut wurden. Winterkorn kam von Audi und regierte auch als VW-Chef dort durch. Wohl nicht zufällig sitzt der frühere Motorenchef von Audi und spätere Entwicklungsvorstand von Porsche ebenfalls in Untersuchungshaft – sogar schon seit neun Monaten. Außerdem ist in Wolfsburg bekannt, dass Audi ein grundsätzliches Führungsproblem hat, was inzwischen auf die Produkte durchschlägt und die vormals starke Marktstellung erodieren lässt.

          Nicht nur die lange Untersuchungshaft wirft Fragen auf, sondern auch der Umgang mit dem Skandal durch den Aufsichtsrat von VW. Monatelang haben hochbezahlte Ermittler einer amerikanischen Kanzlei den Konzern durchforstet. Entgegen der vorherigen Ankündigung wurde das Ermittlungsergebnis nicht veröffentlicht. Warum? Wurden Schuldige benannt? Sollte nachgewiesen werden, dass Vorstandsmitglieder von VW vom Betrug wussten, muss sich der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Pötsch unbequemen Fragen stellen. Schließlich war er unter Winterkorn Finanzvorstand.

          Den Rest erledigen die Politiker

          Der vor kurzem ins Amt berufene neue Vorstandsvorsitzende von VW, Diess, kann hingegen die Rolle des Aufklärers glaubwürdig ausfüllen, weil er von außen kommt. Er forderte die Führungskräfte des Konzerns letztmalig auf, alle Leichen aus den Kellern zu holen. Doch das scheint im Riesenreich von VW noch immer nicht überall angekommen zu sein. Seit drei Jahren gelobt der Konzern Besserung und verspricht Aufklärung. Tatsächlich jedoch verfolgt VW bis hoch zum Aufsichtsrat eine Salamitaktik. Zugegeben wird nur, was Justizbehörden, staatliche Aufseher oder Journalisten zuvor aufgedeckt haben.

          Die zögerliche Aufarbeitung durch VW zieht die ganze deutsche Autoindustrie in den Strudel des Dieselbetrugs. Warum schlägt etwa BMW keine Brandschneise zwischen sich und die Betrüger von VW? So schauen die amerikanischen und chinesischen Wettbewerber genüsslich zu, wie die deutschen Premiumhersteller aus falsch verstandenem Corpsgeist erst ihren Ruf und danach ihren Vorsprung in der Motorenentwicklung verspielen. Den Rest erledigen dann aufgeregte Politiker, die Umweltlobbyisten mit Fleiß vor sich hertreiben.

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