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Standortverhandlung : Zweite Chance für die Börse in Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Nach dem Brexit kommen nun die Fragen um den Finanzmarkt: Soll es einen Zusammenschluss von Deutscher Börse und London Stock Exchange geben? Bild: dpa

Es gibt ein öffentliches Interesse an einem streng überwachten Börsenhandel – in Frankfurt. Allerdings steht dieses Vorhaben noch auf wackligen Füßen.

          Manchmal gilt es als Zeichen besonderer Raffinesse, gegen den Strom zu schwimmen. Manchmal gleicht es aber auch einfach nur einem Himmelfahrtskommando. Die Deutsche Börse ist auf dem Weg zu einem solchen Unterfangen.

          Während der Finanzplatz London nach dem Brexit eine Fluchtbewegung befürchten muss, soll der Zusammenschluss von Deutscher Börse und London Stock Exchange seinen Sitz in London haben und nach britischem Recht geführt werden.

          Schon im Februar, als die Pläne öffentlich wurden, stieß dies auf Kopfschütteln, ist die Deutsche Börse doch eindeutig der größere Partner. Spätestens jetzt lässt sich ein solches Vorgehen aber nicht mehr rechtfertigen. Der Betrieb einer Börse ist eine öffentlich-rechtliche Aufgabe, mit der die Deutsche Börse nur beliehen ist. Es gibt ein großes öffentliches Interesse an einem streng überwachten, transparenten und geordneten Börsenhandel.

          Mit dem Ende von Cameron das Ende des Hauptsitzes in London?

          Nicht erst seit der Finanzkrise, seither aber umso mehr. Es spielt daher eine zentrale Rolle, unter welcher Aufsicht sich ein solches Unternehmen befindet. Die EU verlangt zu Recht eine stärkere Abwicklung außerbörslicher Handelsgeschäfte an überwachten Börsen. Da kann das entsprechende Haus nicht seinen Sitz außerhalb der EU haben.

          Die erste Chance, diese Fehlentwicklung zu korrigieren, haben die Börsen vertan. Sie halten an ihrer derzeitigen Vereinbarung fest. Sie sei unabhängig vom Brexit ideal für alle Beteiligten. Die zweite Chance zur Korrektur hat nun der Referendums-Ausschuss, der sich unter Führung von Joachim Faber, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Börse, zusammenfindet.

          Hier ist ausdrücklich vorgesehen, die Auswirkungen des Brexits abzuwägen und daraus Vorschläge zur Änderung des Fusionsvorhabens abzuleiten. Die Frage des Unternehmenssitzes muss dieses Gremium nun anders bewerten.

          Bislang galt der Sitz in London als Bedingung der Regierung Cameron. Die Bundesregierung hat dies schulterzuckend hingenommen. Die Hessische Landesregierung als zuständige Aufsicht wurde nicht gefragt. Nun ist die Regierung Cameron am Ende, und in Berlin dämmert manchem, dass der Sitz einer für die Finanzplatzinfrastruktur wichtigen Einrichtung wie der Börse nicht egal ist.

          Konkurrenz zu asiatischer und amerikanischer Börse

          Der Zeitpunkt ist also günstig, jetzt Änderungen durchzusetzen. Denn unter diesen Bedingungen kann die Hessische Landesregierung dem Vorhaben nicht zustimmen. Sie muss die Fortentwicklung des hiesigen Börsenbetriebes sicherstellen, und die ist bei einem Sitz außerhalb der EU mehr als fraglich. Die fusionierte Börse sollte also mindestens von London und Frankfurt aus geführt werden – nach europäischem Recht.

          Es wäre schade, scheiterte die Fusion an diesem Punkt. Der Zusammenschluss ist nämlich strategisch und unternehmerisch richtig. Der Dominanz amerikanischer und asiatischer Börsen würde ein europäisches Schwergewicht auf Augenhöhe entgegengesetzt, das die beiden Konzerne allein bislang nicht darstellen.

          Die Geschäfte der LSE und der Deutschen Börse ergänzen sich zudem gut. Ein starkes Standbein am wichtigsten Finanzplatz Europas zu haben wäre für die Deutsche Börse nicht schlecht.

          Denn seine führende Rolle wird der Finanzplatz London, wenn auch in abgeschwächter Form, sicher behalten. Derzeit steht es zehn zu eins für London. Diese Bedeutungsrelation sollte nicht vergessen werden. Und sie wird sich nun auch nicht schlagartig umdrehen. Für Frankfurt bietet der Brexit Chancen.

          Überreglementierung vermeiden

          Darüber sollten aber die Risiken nicht vergessen werden. Wenn es bisher um die Regulierung der Finanzmärkte ging, war es stets die britische Stimme, die an die Vorteilhaftigkeit von Märkten erinnerte und einer Überregulierung Einhalt gebot. Diese Stimme wird fehlen.

          Das kann der Finanzbranche als Ganzes schaden. Das zweite Risiko ist der Zustand der Branche. Ertragsschwach, noch immer unterkapitalisiert, mit Regulierungsthemen überhäuft, unter den Niedrigzinsen leidend, stehen Banken derzeit alles andere als in ihrer Blüte.

          Eine überfällige Konsolidierung könnte viele Arbeitsplätze kosten, auch in Frankfurt. Und das dritte Risiko wäre eine gewisse Selbstgefälligkeit in Frankfurt. Es ist alles andere als sicher, dass aus London abwandernde Banken zwangsläufig in Frankfurt landen.

          Standort Frankfurt nicht in trockenen Tüchern

          Die Vorteile sind bekannt: Europäische Zentralbank (EZB) mit Bankenaufsicht, Versicherungsaufsicht, Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas, vergleichsweise günstige Mieten und Lebenshaltungskosten, verkehrsgünstige Lage inklusive Flughafen.

          Doch das allein reicht nicht. Luxemburg hat es geschafft, mit dem Ohr am Markt zu einem bedeutenden Fondsstandort zu werden. Auch Dublin und Paris preisen derzeit ihre Vorzüge an. Und manche Bank wird auch ihre Standorte außerhalb Europas stärken.

          Die Akteure am Finanzplatz sind daher gut beraten, sich offensiv als Standort anzupreisen und der Finanzbranche mit ihren Bedürfnissen gut zuzuhören, ohne sich völlig zu ergeben. Und dabei sollte außer Frage stehen, dass als Grundlage für einen Finanzplatz von Rang der Sitz der Börse unerlässlich ist.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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