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Die Wirtschafts-Erforscher (4) : Das Geheimnis der Emotionen

  • -Aktualisiert am

„Mich faszinieren innovative Ansätze”: Neuroökonom Peter Kenning Bild: Jesco Denzel

Was passiert im menschlichen Gehirn, wenn wir eine ökonomische Entscheidung treffen? Der Neuroökonom Peter Kenning untersucht solche Fragen - und bedient sich dafür medizinischer Diagnosemethoden. Der Betriebswirt arbeitet dabei auch mit Ärzten zusammen.

          Peter Kenning lebt in zwei Welten, in der Ökonomik und der Medizin. Kenning, 37 Jahre alt, ist Betriebswirt, genauer gesagt: Marketingspezialist. Seit fünf Jahren aber ist er auf einem jungen, beinahe wüsten Wissenschaftsfeld zu Hause, das Wirtschaftswissenschaftler mit Radiologen, Psychologen, Physikern und Neurologen zusammenbringt: der Neuroökonomik. Kenning und seine Mitstreiter versuchen, ökonomisch relevantes Verhalten mit Hilfe neurowissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse besser zu verstehen.

          Dabei setzen sie vor allem auf die funktionelle Magnetfeldresonanztomographie (fMRT). Mit deren Hilfe visualisieren sie, was im menschlichen Gehirn passiert, wenn wir eine ökonomische Entscheidung treffen. „Wir können die neuronalen Vorgänge, die mit einer ökonomischen Entscheidung einhergehen, erfassen und abbilden“, sagt Kenning. Welche Hirnregionen sind an einer solchen Entscheidung beteiligt? Was lässt sich daraus ableiten für unser Bild vom Konsumenten, vom ökonomisch handelnden Menschen?

          Rütteln am Modell des Homo oeconomicus

          Der herkömmlichen ökonomischen Lehre liegt die Annahme zugrunde, dass der Mensch ein Homo oeconomicus ist: Er denkt und handelt rational und eigennützig. Jüngere Forschungsfelder haben aber zutage gefördert, dass dieses Menschenbild nicht der Realität entspricht. Der Mensch entscheidet im wahren Leben irrational, ist altruistisch, hat eine Vorliebe für Fairness und lässt sich von Emotionen leiten - Eigenschaften also, die dem Homo oeconomicus fremd sind.

          Schon in den siebziger Jahren bedienten sich Ökonomen anderer Wissenschaften, um dem Geheimnis des Menschen auf die Spur zu kommen: Aus der Zusammenarbeit mit der Psychologie entstand die Verhaltensökonomik, die am Bild der rationalen Entscheidungsmaschine namens Mensch zu kratzen begann. Auch die experimentelle Wirtschaftsforschung rüttelt an den Grundfesten der wirtschaftswissenschaftlichen Modelle, und die Neuroökonomen wollen den Menschen ebenfalls abbilden, wie er wirklich ist - nicht, wie er den Annahmen gemäß sein müsste. Ihnen zufolge bestimmen neurobiologische Prozesse unser Denken, Fühlen und Entscheiden.

          Emotionen schlagen den Verstand

          Die Unzulänglichkeit des Homo-oeconomicus-Modells offenbart sich zum Beispiel im sogenannten Ultimatum-Spiel: Eine Testperson, nennen wir sie Max, bekommt 10 Euro und die Aufgabe, das Geld zwischen ihm und einer weiteren Testperson, sie soll Anna heißen, aufzuteilen. Einen Haken hat die Sache: Lehnt Anna das Angebot ab, bekommen beide nichts. Wäre Anna ein lupenrein rationales Wesen, würde sie auch dann zustimmen, wenn Max ihr bloß einen Cent anböte - denn ein Cent ist immer noch mehr als null Cent, und null Cent sind das, was sie bei einem Nein bekäme.

          Nun ist es aber so, dass Anna es als reichlich unverschämt empfände, wenn Max sie mit einem Cent abspeisen wollte. Sie ginge in diesem Fall lieber mit leeren Händen und dem guten Gefühl nach Hause, dass Max über seine Habgier gestolpert ist und ebenfalls leer ausgeht. Das ist zwar nicht vernünftig, aber menschlich. Und Max scheint das zu ahnen: Experimente zeigen, dass die Probanden das Geld in den meisten Fällen beinahe hälftig aufteilen und „unfaire“ Angebote regelmäßig abgelehnt werden.

          Neuroökonomen lassen ihre Probanden solche Entscheidungen im fMRT treffen. Die Bilder, die dabei entstehen, verraten ihnen, welche Hirnregionen beteiligt sind, wenn Max und Anna über die Aufteilung des Geldes grübeln. Und siehe da: Wenn Max ein unfaires Angebot macht, reagieren bei Anna jene Hirnregionen mit einer gesteigerten Aktivität, die nach bisherigem Wissensstand für die Verarbeitung von Schmerz, Hunger und Durst zuständig ist. Gleichzeitig sind zwar auch Hirnareale aktiv, die für kognitive Prozesse stehen - Anna versucht also, das rationale Ziel, mit so viel Geld wie möglich nach Hause zu gehen, weiter zu verfolgen. Je unfairer das Angebot aber ist, desto schwerer fällt ihr das. Ihre Emotionen schlagen ihren Verstand.

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