https://www.faz.net/-gqe-vcdq

Wirtschafts-Erforscher (1) : Die kollektivistische Ader in uns

Gerecht verteilen oder so viel wie möglich für sich behalten? Bild: picture-alliance/ dpa

Gerecht verteilen um jeden Preis, auch wenn man selbst Nachteile davon hat - zu solch einem Verhalten neigen überraschend viele Menschen. Das wirbelt die Wirtschaftsforschung gehörig durcheinander. Folge 1 einer neuen Serie über die Arbeit moderner Ökonomen.

          4 Min.

          Zwei Probanden, A und B, müssen eine Beute unter sich aufteilen. Der Spielleiter hat A 10 Euro gegeben, davon muss dieser einen Anteil an B abtreten. A macht B ein Angebot. Der kann annehmen oder ablehnen – in letzterem Fall zieht der Spielleiter die 10 Euro wieder ein, und beide Probanden gehen leer aus. Das ist der Trick des sogenannten Ultimatum-Spiels: Es zeigt, dass Menschen nicht nur eigene Gewinne, sondern auch die Erträge der anderen beachten. Vor die konkrete Entscheidung gestellt, teilen fast 40 Prozent der Probanden die Beute hälftig. Nur 30 Prozent bieten dem Gegenüber eine ungünstigere Verteilung von 30 zu 70 Prozent der Beute an.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Dieses Experiment, vor gut zwei Jahrzehnten erstmals vollführt, beschäftigt Klaus Schmidt unablässig. Der 46 Jahre alte Münchner Wirtschaftsprofessor sitzt in seinem kleinen Büro und berichtet von der „Herausforderung, diese experimentellen Ergebnisse zu verstehen und in Modelle zu fassen“. Schmidt selbst organisiert mit großem Aufwand ökonomische Experimente unter Labor-Bedingungen. Das heißt, die Spieler sehen sich nicht und bleiben anonym. Bis zu 400 Probanden wirbt er dafür von der Universität an. „Aber keine VWL-Studenten oder Psychologen, die meinen, sie müssten sich gemäß irgendwelcher Theorien verhalten“, sagt Schmidt. „Das verzerrt nur die Ergebnisse.“

          Zerrbild oder brauchbares Modell?

          Die Welt der Ökonomen war lange beherrscht vom Modell des Homo oeconomicus. Dieser handelt strikt rational und eigennützig, um seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Den Terminus Homo oeconomicus hat der Soziologe Vilfredo Pareto vor gut 100 Jahren eingeführt. Das entsprechende ökonomische Menschenbild nutzten schon die Wirtschaftswissenschaftler des 18. und 19. Jahrhunderts in ihren Analysen des Marktgeschehens.

          Natürlich mangelte es nicht an Kritikern, die den Homo oeconomicus als Zerrbild, als Karikatur des realen Menschen sahen. Dennoch behielten die meisten neoklassischen Ökonomen für ihre Modelle die Annahme des strikt rational maximierenden Wirtschaftssubjektes bei. In den meisten Analysen von Wettbewerbssituationen lieferte dieses Modell auch sehr brauchbare Ergebnisse. In manchen Situationen aber erwiesen sich die Vorhersagen als falsch, so die Erkenntnisse der Behavioral Economics, der Verhaltensökonomik, der auch Schmidts spieltheoretische Forschung zuzurechnen ist.

          „Viele Menschen haben eine Ungleichheitsaversion“

          Im Ultimatum-Spiel müsste B, wäre er ein rationaler Gewinnmaximierer, jedes Angebot von A annehmen, das ihm nur irgendeinen positiven Ertrag bringt. Schließlich ist 1 Cent besser als gar nichts. Aber zahlreiche Experimente haben gezeigt, dass viele Probanden solche Angebote ausschlagen. Sie wünschen eine faire Verteilung. Gibt es die nicht, soll lieber keiner der Spieler etwas bekommen. „Es ist schon überraschend, dass so viele positive Angebote abgelehnt werden, obwohl Spieler B dadurch ja eigenes Geld wegwirft“, meint Schmidt. Selbst im sogenannten Diktator-Spiel, bei dem einer allein die Verteilung bestimmt und keine Vergeltung des anderen zu fürchten hat, teilen viele Probanden ziemlich gleichmäßig.

          Mit seinem Züricher Kollegen Ernst Fehr hat Schmidt ein mathematisches Modell entwickelt, das solches Verhalten erklären kann. „Unsere einfache Annahme ist, dass viele Menschen eine Ungleichheitsaversion haben.“ In ihr Nutzenkalkül rechnen sie ein, wie sehr die Ergebnisse der Mitspieler von ihren eigenen abweichen. Zu starke Ungleichheit mindert die Zufriedenheit. Schmidt und Fehr unterstellen also neben den individuellen auch „soziale Präferenzen“. Allerdings sieht Schmidt diese ambivalent: „Das muss man nicht unbedingt als ,gute‘ Einstellung werten, übertriebene Gleichheitsneigung kann auch als Neid interpretiert werden, der dann sozial und wirtschaftlich schädliche Konsequenzen hat.“

          Weitere Themen

          VW bietet Kunden erstmals Entschädigung an Video-Seite öffnen

          Dieselskandal : VW bietet Kunden erstmals Entschädigung an

          Viereinhalb Jahre nach Bekanntwerden des Dieselskandals bietet Volkswagen hunderttausenden Kunden in Deutschland erstmals eine Entschädigung an. Verhandlungen für einen Vergleich mit der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) scheiterten indes.

          Topmeldungen

          Je mehr Privatpatienten in einem Gebiet, desto mehr Ärzte lassen sich dort nieder. Aber liegt das am Geld oder am sozialen Umfeld?

          Gesundheitswesen : Abschaffung der Privatkassen soll Milliarden sparen

          Der Beitrag für jeden gesetzlich Versicherten könnte um 145 Euro im Jahr sinken, wenn die Privatkassen abgeschafft würden. Das behauptet eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Beamte, Ärzte und Wissenschaftler halten die Berechnungen für hanebüchen.

          Eurogoals: FAZ.NET mit DAZN : Mitleid von Klopp – Ärger bei Tuchel

          Liverpool kommt Titel immer näher. Tottenham siegt spektakulär. Erstes Tor für Özil. Ter Stegen rettet Barcelona sensationell. Juve siegt ohne Ronaldo. Tuchel nach 4:4 in Rage. Sehen Sie Europas Fußball-Wochenende im Video.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.