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Debatten in Deutschland : Das Schweigen der Unternehmer

In die öffentliche Debatte bringen sich Unternehmer und Spitzenmanager so gut wie nie ein, sie schicken lieber bezahlte Lobbyisten vor. Bild: PSPress / Photopool

Die wirtschaftliche Elite drückt sich vor dem öffentlichen Diskurs. Das hat enorm schädliche Folgen.

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          Ein Mensch ist nicht nur verantwortlich für das, was er tut. Er ist auch verantwortlich für das, was er nicht tut. Dieses grundlegende Prinzip der Ethik spiegelt sich beispielsweise im deutschen Strafrecht wider, das eine unterlassene Hilfeleistung mit bis zu einem Jahr Gefängnis ahndet. Die Verantwortung für das eigene Handeln umfasst auch Worte. Wer einen Kollegen nicht verteidigt, wenn er gemobbt wird, handelt unmoralisch.

          Vor diesem Hintergrund ließen mehrere Wortbeiträge von Franz Haniel aufhorchen. Das Oberhaupt der Industriellenfamilie erklärte vor kurzem auf einer Veranstaltung der Wertekommission, dass er grundsätzlich keine Interviews gebe. Überhaupt sei es ihm am liebsten, wenn er und seine Unternehmen überhaupt nicht in den Medien auftauchten. Negative Berichterstattung sei per se schlecht, positive bringe ihm nichts. Kurzum: Er habe nichts davon, sich zu äußern.

          Diese Haltung ist falsch. Sie greift betriebswirtschaftlich zu kurz, weil Verbraucher eher zu bekannten Marken greifen und für deren Produkte ein paar Euro mehr ausgeben. Auch der Nachwuchs bewirbt sich in Zeiten des Fachkräftemangels eher bei Unternehmen, die ihm sympathisch sind. Leider ist dieses Schweigen der wirtschaftlichen Elite die Regel. Die allermeisten sind öffentlich nicht existent. Die wenigen Manager und Unternehmer, die sich in Deutschland in eine Talkshow trauen, lassen sich an einer Hand abzählen. In den Vereinigten Staaten sind Unternehmer und Manager in der Öffentlichkeit präsenter.

          Bezahlte Lobbyisten haben zwangsläufig weniger Authentizität

          Natürlich muss niemand im Fernsehen auftreten. In einer freien Gesellschaft braucht niemand der Öffentlichkeit sein Vermögen aufzuschlüsseln. Keiner muss sagen, wie viele Oldtimer er hat oder wie viel Geld er für SOS-Kinderdörfer spendet. Zu respektieren sind persönliche Gründe, die zur öffentlichen Zurückhaltung veranlassen. Es ist aber naiv zu glauben, dass es folgenlos bleibt, wenn sich nahezu alle Unternehmer, die Managerelite und die Reichsten dem Diskurs entziehen.

          Dieses Abtauchen aus der öffentlichen Debatte ist vor allem langfristig schädlich. Jede Demokratie lebt vom Wettstreit der Argumente. Sie lebt davon, dass alle Beteiligten ihre Sicht der Dinge erklären, dafür werben und im Zweifel auch mal dafür streiten. Wer sofort verschwindet, hat die Debatte aufgegeben. Er hat von vorne herein verloren. Wer unsichtbar ist, lässt Raum für Spekulation, Gerüchte, Falschinformation. Und er lässt zu, dass andere über ihn, seine Unternehmen und sein Geld entscheiden. Unsichtbare Unternehmer überlassen einem Kevin Kühnert das Feld, wenn der Juso-Chef durch alle Medien tönt, dass Großkonzerne in Gemeinschaftsunternehmen umgewandelt werden müssten. Sie sagen nichts, wenn der Berliner Senat einen Mietendeckel beschließt, der Soli nur für Spitzenverdiener beibehalten wird oder die Republik über eine striktere Erbschaftsteuer debattiert.

          Wo sind die Unternehmer, die für mehr Glasfaserkabel werben? Welches Familienoberhaupt sagt laut, dass er gerne in Deutschland investieren würde, die Steuersätze in den Vereinigten Staaten aber viel niedriger sind? Für all diese Dinge werden Verbände vorgeschickt. Die bezahlten Lobbyisten haben aber zwangsläufig viel weniger Authentizität als ein Inhaber, der mit seinem Namen und seiner Leistung für etwas einsteht.

          „Keiner will in die Politik“

          Auch in den Bundestag drängt es die Unternehmer nicht. Der Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs, der nach 15 Jahren aus dem Parlament ausschied, hatte vor der Wahl etliche Mittelständler für seine Nachfolge angesprochen und danach geklagt: „Keiner will in die Politik.“ Wer sich mit möglichen Kandidaten unterhält, hört immer die gleichen Gründe: Das Unternehmen fordere seine gesamte Zeit, die Diäten seien zu gering, die Gremiensitzungen zu ergebnisarm. Die Folgen sind überdeutlich zu sehen: Die Wirtschaftsflügel der verschiedenen Parteien verdienen oft ihren Namen nicht.

          Hinzu kommt, dass sich die öffentliche Stimmung zunehmend verschlechtert. Im Deutschland des Jahres 2019 ist es kein Problem mehr, über Enteignungen zu debattieren. Eine repräsentative Umfrage zeigt, dass 62 Prozent der Deutschen reiche Menschen für egoistisch halten, 50 Prozent für rücksichtslos. Wie bei jeder anderen Minderheit gilt aber, dass sich der Blick auf sie schlagartig verbessert, wenn sie aus dem Schatten tritt. Wer reiche Menschen persönlich kennt, beurteilt sie meist positiv: Jeweils 71 Prozent beschreiben sie dann als fleißig und intelligent, 58 Prozent als einfallsreich.

          Wer trotzdem weiter schweigen will, darf das natürlich. Wer sich aber weder in die aktive Politik einbringt noch am öffentlichen Diskurs beteiligt, darf nachher nicht jammern, wenn eine Vermögensteuer eingeführt wird oder die Straße zu seiner Fabrik verkommt.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

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