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Kommentar : Der Dollar hat globale Bedeutung

Eine Währung mit weltweitem Einfluss: Wechselstube in Hongkong Bild: AFP

Der Zustand der amerikanischen Finanzmärkte entscheidet über die Finanzstabilität rund um den Globus. Das hat Konsequenzen für Schwellenländer, Europa - und die Vereinigten Staaten selbst.

          Mitte 2014 beliefen sich die Währungsreserven Chinas auf rund 4000 Milliarden Dollar. Das ist ein kaum vorstellbarer Betrag. Angesichts der Stärke der chinesischen Wirtschaft und ihres Leistungsbilanzüberschusses nicht nur gegenüber den Vereinigten Staaten hätten die Währungsreserven nach einer verbreiteten Ansicht seitdem noch einmal deutlich zulegen müssen. Tatsächlich betragen die chinesischen Währungsreserven heute nur noch rund 3000 Milliarden Dollar. Das ist immer noch ein riesiger Betrag - aber innerhalb von nur zweieinhalb Jahren sind die Reserven um etwa 1000 Milliarden Dollar geschrumpft.

          Spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise 2007 ist offensichtlich, dass die Bedeutung von Währungen und Wechselkursen nicht allein am internationalen Handeln von Gütern und Dienstleistungen gemessen werden kann. Die internationalen Finanzbeziehungen spielen eine mindestens ebenso wichtige Rolle. So erklärt sich der auf den ersten Blick vielleicht paradoxe Rückgang der chinesischen Währungsreserven mit dem Kapitalverkehr: Viele Chinesen haben in den vergangenen Jahren, unter anderem zum Zwecke der Vermögensstreuung, Geld ins Ausland gebracht. Sie haben Dollar gegen chinesische Währung gekauft und damit Abwertungsdruck auf den Yuan (Renminbi) erzeugt. Da Peking keine kräftige Abwertung wünscht, hat die Zentralbank Währungsreserven verkauft, um den Wechselkurs zu stabilisieren.

          Das Beispiel belegt eindrücklich: Auch wenn das güterwirtschaftliche Gewicht der Vereinigten Staaten in der Welt im Laufe der Zeit nachlässt, bleibt der Dollar die mit weitem Abstand dominierende Währung. Denn als Währung für Kapitalanlagen und Finanzierungen aller Art ist die amerikanische Währung unangefochten. Und weil die Bedingungen, zu denen in Dollar angelegt und geliehen werden kann, für die globale Finanzmärkte sehr wichtig sind, entscheidet der Zustand der amerikanischen Finanzmärkte auch über die Finanzstabilität rund um den Globus.

          Der Wechselkurs des Dollars als globaler Angstindex

          Kein Fachmann hat diese Bedeutung klarer erarbeitet als Hyun Song Shin, der Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Zurzeit sorgt Shin in internationalen Finanzkreisen für erhebliche Aufmerksamkeit mit der These, der Wechselkurs des Dollars könne als eine Art globaler Angstindex verstanden werden. Demnach sorge ein schwacher Dollar vor allem in den Schwellenländern für Euphorie, weil sich dortige Unternehmen und Staaten billig in Dollar verschulden können. So belaufen sich die Dollarschulden der Unternehmen aus Schwellenländern auf rekordhohe 3300 Milliarden Dollar.

          Wertet der Dollar auf, wie seit einiger Zeit beobachtbar, verschlechtern sich die Finanzierungsbedingungen in den Schwellenländern. Auf Dauer kann dies Unruhe an den globalen Finanzmärkten erzeugen. Auch hier zeigen sich gegenläufige Effekte in der Güter- und in der Finanzwirtschaft. Ein starker Dollar sollte die Exporte aus den Schwellenländern steigern helfen, aber gleichzeitig steigen dort die Finanzierungskosten.

          Der Dollar und die Turbulenzen in den Schwellenländern

          In den vergangenen Jahrzehnten war an den Finanzmärkten der Schwellenländer ein mitunter sehr heftiges Auf und Ab zu beobachten. Meistens war die Ursache von Trendwenden in den Vereinigten Staaten zu suchen. Unvergessen bleibt der Mai 2013, als der damalige Vorsitzende der Federal Reserve Board, Ben Bernanke, lediglich Kürzungen der Anleihekäufe der Fed in Aussicht stellte. Die Folge waren schwere Turbulenzen an den Finanzmärkten der Schwellenländer.

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          Europa ist in der Vergangenheit nicht so anfällig gewesen, aber der atlantische Zinszusammenhang sorgte stets dafür, dass sich die Anleiherenditen in Europa nicht unbeeinflusst von den amerikanischen bildeten. So sind in den vergangenen Wochen mit den amerikanischen auch die europäischen Anleiherenditen gestiegen.

          Die globale Rolle ihrer Währung hat erhebliche Rückwirkungen für die Vereinigten Staaten. Zum einen profitieren die Amerikaner, indem sie sich durch liquide, oft kurzfristige, Staatswertpapiere billig im Ausland verschulden und gleichzeitig im Ausland riskantere, aber auch ertragreichere Kapitalanlagen, zum Beispiel Aktien, erwerben. Amerika funktioniert wie eine hoch verschuldete Bank, die für das Ausland Liquiditäts- und Fristentransformation betreibt. Dafür fällt, wie die französische Ökonomin Hélène Rey errechnet hat, eine jährliche Extrarendite von rund 2 Prozent an.

          Die globale Rolle des Dollars beschränkt jedoch die Geld- und Finanzpolitik. Ein sehr starker Dollar belastet nicht nur den Export der Vereinigten Staaten; er droht auch zur Instabilität an den internationalen Finanzmärkten beizutragen. Für die Fed hat dies einen klassischen Zielkonflikt zur Folge: Sie wird mit Blick auf wachsende Inflationsgefahren ihren Leitzins viel weiter erhöhen müssen, ihn mit Blick auf einen zu starken Dollar aber nicht viel weiter erhöhen wollen. Und Donald Trump wird sich überlegen, ob er mit einer deutlichen Ausweitung des Haushaltsdefizits Potential für weiter steigende Anleiherenditen und damit für einen noch stärkeren Dollar bieten will.

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