https://www.faz.net/-gqe-6t4xv

: Die unvollendete Einheit

  • Aktualisiert am

Die Südkoreaner sind schon da. Sie bereisen den Osten Deutschlands und stellen unendlich viele Fragen. Das weiß Wolfgang Tiefensee. Der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister und Bundesverkehrsminister könnte viel erzählen über die Wende und die vergangenen zwanzig Jahre, über Ost und West.

          Die Südkoreaner sind schon da. Sie bereisen den Osten Deutschlands und stellen unendlich viele Fragen. Das weiß Wolfgang Tiefensee. Der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister und Bundesverkehrsminister könnte viel erzählen über die Wende und die vergangenen zwanzig Jahre, über Ost und West. Aber wer interessiert sich dafür heute noch? Die Südkoreaner wollen es wissen, sie interessiert dieser einmalige Systembruch, die Transformation einer sozialistischen in eine marktwirtschaftliche Ordnung auf einem Staatsgebiet. Die Koreaner jedenfalls versuchen zu verstehen, was sich abspielt, wenn ein politisches System zusammenbricht und ein geteiltes Land wieder zueinanderfindet. "Sie wollen unbedingt jenen großen Fehler vermeiden, den Westdeutschland damals gemacht hat", sagt Tiefensee. "Nämlich für diesen einmaligen Fall der Fälle keinen Plan in den Schubladen zu haben." Dieser Fehler ist einer von gestern. Die Chance, es noch einmal besser zu machen, wird Deutschland nicht noch einmal bekommen. Tiefensee ist dennoch zufrieden, ganz so wie rund drei Viertel der Bürger in den ostdeutschen Bundesländern. "Wir liegen gut in der Zeit", sagt er "Zwei Drittel des Weges haben wir hinter uns, und das in genau zwei Dritteln der gesetzten Zeit." 2019 läuft der Solidarpakt aus. Es bleibe also ein knappes Jahrzehnt, dann müsse sich der Lebensstandard in Ost und West angeglichen haben, sagt Tiefensee.

          ***

          Fontane wäre glücklich. Denn noch nie standen so viele Birnbäume in Ribbeck. Als der Dichter 1889 seine Verse über den edlen Obst-Spender "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" reimte, gab es nur einen einzigen Birnbaum im Garten. Heute gleicht Ribbeck fast einer Birnen-Plantage. Im Halbkreis um Schloss Ribbeck stehen 16 Bäume mit edlen Sorten, die jeweils von einem der Bundesländer gestiftet wurden. Die Thüringer pflanzten zum Beispiel eine "Nordhäuser Winterforelle", die Niedersachsen die "Köstliche von Charneux", die man im Norden auch "Bürgermeisterbirne" nennt. Ebenso nobel geht es jetzt im Herrenhaus zu, das aufwendig und geschmackvoll renoviert wurde. Auch die Kirche von Ribbeck ist nicht mehr grau, und in der Alten Brennerei werden wieder - wie zu feudalen Zeiten - edle Schnäpse gebrannt.

          Ribbeck, etwa 60 Kilometer westlich von Berlin, ist eine Idylle im Havelland. Ringsum gibt es Dörfer, in denen ein Radler auf dem Havelland-Radweg melancholisch wird, in denen er vergeblich nach Schönheit oder vitalem Leben sucht. Dort ist der Abbau Ost mit Händen zu greifen. Hier in Ribbeck mit seinen knapp 400 Einwohnern hat die Wende dagegen ein Kleinod vollbracht. Viele Orte in der Mark Brandenburg versuchen mit dem Namen Fontane die Kulturtouristen zu locken, doch nirgendwo ist es gelungen, ein Fontane-Gedicht derart zum Geschäft zu machen. Das Geschäft macht indes nicht so sehr die Familie des ehemaligen Birnenspenders, wie es in anderen ostdeutschen Schlössern oder Herrenhäusern oft der Fall ist. Friedrich-Carl von Ribbeck (71) gelang es nicht, das Vermögen zurückzuerhalten, weil er dem Landkreis nicht nachweisen konnte, dass die Ribbecks von den Nazis enteignet worden waren. Doch erhielt er eine finanzielle Entschädigung und erwarb damit die Alte Brennerei.

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Kommt heute nach Berlin: Boris Johnson

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.