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Wirtschaftliche Abhängigkeit : Die Türkei hängt am Tropf der EU

Wenn es ums Wirtschaftliche geht, braucht er die EU: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Bild: AFP

Erdogan hält sich für unbesiegbar. Wirtschaftlich aber geht in dem Land nichts ohne Europa. Nicht nur die EU-Hilfen sind existenziell für die Türkei.

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          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der nach den Wahlen und der Verfassungsänderung am Sonntag auch Regierungschef sein wird, stellt gern die Stärke seines Landes heraus. Tatsächlich ist die geostrategische und militärische Macht des zweitgrößten Nato-Mitglieds beachtlich, wie sich in Syrien und in der Flüchtlingsfrage zeigt. Wirtschaftlich betrachtet aber ist die Türkei – trotz des Aufschwungs unter Erdogans Regierungspartei AKP – bestenfalls zweitklassig.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Selbst kaufkraftbereinigt rangiert das Land nur an Platz 13 der größten Volkswirtschaften. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist mit 2,2 Billionen Dollar halb so groß wie in Deutschland, wo genauso viele Einwohner leben. Dem Weltwährungsfonds IWF zufolge beträgt das Pro-Kopf-Einkommen 26.500 Dollar im Jahr. Das reicht nur für Position 53, etwa auf gleicher Stufe mit Kasachstan.

          Dass die Türkei überhaupt so weit gekommen ist, verdankt sie einem Partner, den sie in letzter Zeit immer wieder brüskiert hat: der EU. Seit Aufnahme in die Europäische Zollunion 1996 – drei Jahre, bevor die Türkei Beitrittskandidat wurde – haben sich Direktinvestitionen und Handel vervielfacht. Inzwischen bestehen 95 Prozent des Austauschs aus zollfreien Industrieprodukten.

          Türkei will Ausbau der Zollunion

          Da die Aufnahme in die EU auf Eis liegt, dringt Ankara auf eine Ausweitung der Zollunion. Die türkische Regierung möchte, dass auch für Agrargüter, Dienstleistungen und öffentliche Ausschreibungen keine Tarife anfallen. Die Effekte wären groß: Das Ifo-Institut hat berechnet, dass die Einbeziehung der ausgesparten Branchen zu einem Plus im türkischen BIP von 1,8 Prozent führen würde. Das Pro-Kopf-Einkommen wüchse um 171 Dollar.

          Doch daraus wird vorerst nichts. Am Dienstagabend beschlossen die EU-Staaten, keine Verhandlungen mit der Türkei zur Vertiefung der Zollunion aufzunehmen. Zur Begründung hieß es, „dass die Türkei sich von der EU weiter entfernt hat“. Hintergrund ist die Verletzung von Rechtsstaat und Demokratie im Ausnahmezustand seit dem gescheiterten Putsch im Juli 2016.

          Großzügige EU-Hilfen für Ankara

          Die frostigen Beziehungen bedeuten nicht, dass die EU die Türkei finanziell schneidet. Im Gegenteil: Solange die Beitrittsverhandlungen nicht offiziell abgebrochen sind, hat Ankara weiter Anspruch auf EU-Mittel. 2016 betrugen die Hilfszusagen 2,1 Milliarden Euro.

          Brüssel argumentiert gern, dass eigentlich weit weniger Geld fließe. Aber die Auszahlungen betrugen immerhin 1,7 Milliarden Euro. Damit war Ankara der größte Empfänger, es erhielt 13 Prozent der bilateralen Unterstützung. Die meisten Zuwendungen, rund 1,2 Milliarden Euro, flossen als „Heranführungshilfen“ für die spätere EU-Aufnahme – obgleich diese in den Sternen steht.

          Die Förderbanken setzen ihr Türkei-Engagement ebenfalls auf hohem Niveau fort. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD hat 2017 nirgendwo mehr frisches Geld ausgereicht als dort. Rund 1,5 von 9,7 Milliarden Euro flossen in das Land.

          Auch die Europäische Investitionsbank EIB ist außerhalb der Gemeinschaft nirgendwo aktiver als in der Türkei. Die bisher vergebenen Kredite belaufen sich auf 18 Milliarden Euro – mehr als Griechenland erhalten hat.

          Türkische Wirtschaft von EU abhängig

          Nicht nur Steuergeld und Kredite fließen in Milliardenhöhe, sondern auch privates Kapital. Europäische Unternehmen haben in der Türkei zwischen Januar und April zwar weniger investiert als früher. Aber die Summe von 1,2 Milliarden Dollar machte 72 Prozent der Direktinvestitionen aus aller Welt aus. Im gesamten Vorjahr waren es laut türkischer Zentralbank 67 Prozent.

          Die Flaggen wehen einträchtig im Wind. Politisch ist es zurzeit häufig stürmisch.
          Die Flaggen wehen einträchtig im Wind. Politisch ist es zurzeit häufig stürmisch. : Bild: dpa

          Während damals die Gesamtzuflüsse abgenommen hatten, waren die Direktinvestitionen aus der EU um 2 Prozent auf 5 Milliarden Dollar gestiegen. Jedes zehnte ausländische Unternehmen in der Türkei stammt aus der Bundesrepublik.

          Der europäische Handel mit der Türkei wächst wieder kräftig. Das Statistikamt meldet für Januar bis April einen Anstieg um 22 Prozent auf fast 59 Milliarden Dollar. Auch hier dominiert die EU die Statistik mit 43 Prozent. Deutschland steht für 10 Prozent der türkischen Ein- und Ausfuhr.

          Die Europäer stellen nach wie vor die größte Touristengruppe. Das zuständige Ministerium hat zwischen Januar und April 2,6 Millionen Ankünfte aus der EU gezählt, ein Drittel aller Fälle. 672.000 Reisende kamen aus Deutschland, 19 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Im April waren die Deutschen die zweitgrößte Besuchergruppe hinter den Russen. Klar wird aus diesen Zahlen vor allem eins: Die Abhängigkeit der Türkei von Europa ist viel größer als andersherum.

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