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Kommentar : Eine Branche wechselt ins Museum

  • -Aktualisiert am

Haltbarkeit längst überschritten: Die Kohleindustrie im Ruhrgebiet gehört ausgemustert. Bild: dpa

Das „Grubengold“ war der Treibstoff des Wiederaufbaus. Dann flossen über Jahrzehnte 150 Milliarden Euro in eine nicht mehr konkurrenzfähige Branche. Jetzt wird die Steinkohle zu Grabe getragen – endlich.

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          Bald ist der deutsche Steinkohlenbergbau endgültig Geschichte, zu besichtigen noch im Bergbaumuseum Bochum. Denn bis Ende dieses Jahres werden die letzten beiden aktiven Zechen, Anthrazit in Ibbenbüren und Prosper Haniel in Bottrop, die Förderung einstellen. Bis zur offiziellen Abschlussfeier am 21.Dezember mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird es Dutzende Ausstellungen, Veranstaltungen und Projekte geben. Der lange Abschied von der Kohle wird zelebriert. Es soll ein würdiger Abschied werden, wie Werner Müller, einstiger Bundeswirtschaftsminister und heute Vorsitzender der RAG-Stiftung, versprochen hat. Wohl niemals zuvor ist eine Branche mit so viel Pomp zu Grabe getragen worden. Andere Wirtschaftszweige, man denke an den Niedergang der einst etliche tausend Arbeiterinnen beschäftigenden Textilindustrie, erlitten ein stilles Ende. Aber auch kaum eine Branche war wohl so identitätsstiftend wie der Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet.

          Immerhin mehr als 150 Jahre hat der industrielle Abbau der Kohle die Region geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, auf dem Höhepunkt der Produktion, waren noch mehr als eine halbe Million Menschen in den Zechen beschäftigt. Das „Grubengold“ war der Treibstoff des Wiederaufbaus. Der Steinkohlenbergbau galt als eine Schlüsselindustrie für die deutsche Wirtschaft, die mehr Arbeitsplätze bereitstellte als heute die deutsche Chemieindustrie. All das ist sehr lange her. Mit dem billigeren Erdöl und Gas sowie der Atomstromproduktion begann der Niedergang. Im Preis- und Wettbewerbsvergleich mit Importkohle aus Ländern, in denen der Rohstoff sozusagen unter der Grasnarbe liegt, hatte die aus immer tieferen Tiefen gewonnene deutsche Kohle das Nachsehen. So wurde die deutsche Steinkohle zum größten Subventionsempfänger des Landes.

          Längst nicht mehr konkurrenzfähig

          Grob gerechnet, flossen über Jahrzehnte hinweg mehr als 150 Milliarden Euro in die längst nicht mehr konkurrenzfähige Branche, um den sukzessiven Ausstieg sozialverträglich abzufedern. Man hätte die Bergleute genauso gut fürs Spaziergehen im Sonnenschein bezahlen können, statt sie auf Schicht untertage zu schicken. Selbst dieses Jahr werden nochmals Absatzhilfen von mehr als einer Milliarde Euro an die Zechengesellschaft RAG überwiesen, damit der Preis für die letzte deutsche Kohle auf Weltmarktniveau gedrückt werden kann.

          Als mit der Gründung der RAG-Stiftung vor gut zehn Jahren die Beendigung des subventionierten Bergbaus eingeleitet und der symbolische Schlusspunkt auf Ende 2018 festgelegt wurde, hat man den Zeitplan aus der damaligen Altersstruktur der Bergleute abgeleitet. Denn bis Jahresende werden 90 Prozent der 2007 noch rund 30.000 Beschäftigten dank großzügiger Ruhegeldregelungen in den Vorruhestand gewechselt sein. Wie überhaupt allen Beteiligten ein überaus weitgesteckter Zeitrahmen eingeräumt wurde, um sich dem Strukturwandel zu stellen. Zeitlich unbegrenzt wird sich, gemäß des Stiftungszwecks, freilich die RAG-Stiftung mit den Ewigkeitslasten des Bergbaus befassen müssen.

          Denn ohne das Abpumpen des Grubenwassers wäre das Grundwasser gefährdet, würde die durch den Kohleabbau stark abgesackte Region zur Seenplatte. Derzeit sieht es so aus, als könnte die Stiftung ihre Aufgaben aus den laufenden Erträgen ihres Vermögens (darunter die Mehrheit an dem Chemiekonzern Evonik) problemlos finanzieren. Dann bliebe der Steuerzahler zumindest an diesem Punkt außen vor.

          Viel Nostalgie, Wehmut und Verklärung

          Es wird viel Nostalgie, Wehmut und Verklärung mitwehen, bis der Deckel auf dem letzten Schacht ist. Bei allem Respekt vor Tradition und Geschichte und aller Vorbildlichkeit, die dieser Schmelztiegel in Sachen Integration zugewanderter Arbeitskräfte bewiesen hat: Es wird allerhöchste Zeit, dass die wirtschaftlich längst keine Rolle mehr spielende Branche ins Museum wandert.

          All diese Bergmannskapellen- und Steigerlied-Herrlichkeit hat der Region in der Außenwahrnehmung ein Image verliehen, das seit Jahren kontraproduktiv wirkt. Vermittelt es doch den falschen Eindruck, an der Ruhr gäbe es vor allem rückwärtsgewandtes Denken, veraltete Industrie und graue Landschaften. Nicht von ungefähr zucken die einheimischen Bürger zusammen, wenn schon im benachbarten Rheinland despektierlich von Kohlenpott die Rede ist. So als sei dort alles eine Spur trister, dreckiger und primitiver.

          Erst wenn der Bergbau Geschichte ist, kann sich das Ruhrgebiet endgültig emanzipieren und mit den Pfunden wuchern, die es nun hat: Seien es die zahlreichen Universitäten und Hochschulen, die die Region zu einer der dichtest bestückten Bildungslandschaften Europas machen. Sei es der breite florierende Mittelstand, seien es die attraktiven Flächen, die die alten Industrien für neue zukunftsweisende Zweige wie die Logistik oder die IT-Branche frei gemacht haben. Sei es die zentrale Lage auf dem Kontinent oder der vergleichsweise günstige Wohnraum, der die Gegend für junge Familien attraktiv macht. Nach den Plänen des Initiativkreises Ruhr soll das Weltkulturerbe Zeche Zollverein zu einer Start-up-Hochburg werden. Dass dies gelingen möge, wäre ein nostalgisches „Glück auf“ wert.

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