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Corona-Krise : Gibt es dieses Jahr keinen Spargel?

Ein Erntehelfer hält auf einem Feld des Spargel- und Beerenhofs Thiermann frisch gestochenen Spargel. Bild: dpa

Saisonarbeiter aus Rumänien und Polen haben Schwierigkeiten bei der Einreise. Ministerin Klöckner erwägt jetzt sogar Sonderflüge. Einige Landwirte werden selbst kreativ.

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          Wenn Simon Schumacher aus dem Fenster blickt, wird ihm unwohl: „Die Sonne scheint, der Spargel ist erntereif. Aber es ist keiner da, der ihn sticht.“ Schuhmacher ist Vorstandssprecher des Süddeutschen Verbands der Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE), der 600 Mitglieder vertritt. Sie und alle anderen rund 23.000 Obst- und Gemüsebaubetriebe in Deutschland bangen um ihre diesjährige Ernte. Denn auch vor der Landwirtschaft hat das Coronavirus nicht Halt gemacht: Die rund 300.000 Saisonarbeitskräfte, die normalerweise ab April vor allem aus Rumänien und vereinzelt aus Polen nach Deutschland kommen, um Spargel und Erdbeeren zu ernten und neue Gemüsesetzlinge zu pflanzen, könnten in diesem Jahr ausbleiben.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          „Seit Montag gibt es eigentlich kaum mehr Bewegung. Die Busfahrer verweigern den Grenzübertritt, weil sie nach ihrer Rückkehr in Quarantäne gesteckt werden. Fahren sie doch, scheitern sie spätestens an der österreichisch-ungarischen Grenze“, berichtet Verbandsmann Schumacher. Auch per Flugzeug sei die Ausreise derzeit nicht möglich, weil die rumänische Regierung die Ausstellung von Tickets an die Arbeiter untersagt habe – das zumindest hat Schumacher von einem Reisebüro gehört. Eine offizielle Bestätigung dafür hat er nicht: „Wir erhalten keine Informationen von den rumänischen Grenzbehörden. Die Telefone sind ständig belegt“.

          Für die Spargel- und Erdbeerbetriebe, die jährlich rund 700 Millionen Euro umsetzten, sei die Lage existenzbedrohend. Bis Ende kommender Woche, sagt Schumacher, müsse eine Lösung gefunden werden, um noch rechtzeitig mit der Spargelernte auf der bundesweit rund 23.000 Hektar großen Anbaufläche beginnen zu können. Um Zeit zu gewinnen, nehmen viele Spargelbauer die transparenten Folien von den Dämmen. Das bremst die Temperaturen und damit das Wachstum des Edelgemüses aus. Für Schumacher hat die Situation auch eine berufsethische Komponente: „Wir sind es unseren Mitbürgern schuldig, sie gerade in dieser Situation mit wichtigen Vitaminen, gutem Obst und Gemüse zu versorgen.“ Jetzt aber fehlte mit den Saisonarbeitern eine unverzichtbare Säule.

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          Schumacher ist nicht der einzige, der in diesen Tagen vor einer „Katastrophe“ für die diesjährige Erntesaison warnt. Der Arbeitskreis Spargel Südhessen meldete, die Lage „spitzt sich ganz, ganz extrem zu“. „Die Spargelernte ist in großer Gefahr“, warnte der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd. „Stündlich“, so berichtet es der Vorsitzende des Beelitzer Spargelvereins in Brandenburg, Jürgen Jakobs, erreichten ihn und seine Kollegen Absagen aus Rumänien. Bislang seien erst 20 Prozent der erwarteten Saisonarbeiter eingetroffen. Sowohl Polen als auch Rumänien kontrollieren ihre Grenzen inzwischen streng und schicken Rückkehrer in eine 14-tägige Quarantäne. Beide Länder weisen bislang keine hohen Infektionsraten auf, offiziellen Zahlen zufolge sind jeweils nur rund 200 Menschen erkrankt.

          Inzwischen hat der Hilferuf der Obst- und Gemüseanbauer auch den Deutschen Bauernverband (DBV) erreicht. In einem gemeinsamen Schreiben an Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) fordern der DBV und weitere Verbände der Agrarbranche „kurzfristige Ausnahmen“ für eine Reihe von Regelungen, um „dringende und für die Lebensmittelversorgung erforderliche Arbeiten“ erledigen zu können. Unter anderem regen die Verbände an, die wöchentlichen und täglichen Höchstarbeitszeiten zu verlängern, den Zugang zum Arbeitsmarkt für Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu erleichtern und die Hinzuverdienstmöglichkeiten für Arbeitslose, Asylbewerber und Bezieher von Kurzarbeitergeld zu verbessern. 

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