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: Die schwachen Länder

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Am Ende kochte der Volkszorn über: Hunderttausende Letten gingen Ende Februar auf die Straße und demonstrierten gegen ihre Regierung. Und das bei gerade einmal zwei Millionen Einwohnern. Die Wut über jahrelange Misswirtschaft entlud ...

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          Lettland

          Die Regierung stürzt

          Am Ende kochte der Volkszorn über: Hunderttausende Letten gingen Ende Februar auf die Straße und demonstrierten gegen ihre Regierung. Und das bei gerade einmal zwei Millionen Einwohnern. Die Wut über jahrelange Misswirtschaft entlud sich: Backsteine flogen, Läden und Schalterräume von Banken gingen zu Bruch. Danach zog Ministerpräsident Ivars Godmanis die Notbremse, er trat zurück. Denn längst ist aus der Banken- und Wirtschaftskrise im Baltikum eine soziale und politische Krise geworden. Die Letten haben Angst: vor der Arbeitslosigkeit, um ihre Ersparnisse, vor dem Absturz ihres ganzen Landes. Wie die meisten osteuropäischen Staaten hat auch Lettland jahrelang auf Pump gelebt und den heimischen Aufschwung und Konsum mit Krediten aus dem Ausland finanziert. Die Leistungsbilanz lag mit minus 15 Prozent heftig im negativen Bereich, weil die Letten mehr importierten als exportierten. Inzwischen übersteigt das Geld, das der Staat brauchte, um das laufende Jahr zu überstehen, die lettischen Währungsreserven um 400 Prozent. Einen Notkredit von 3,1 Milliarden Euro hat das Land daher gerade erst von der Europäischen Union (EU) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bekommen. Aber ob das reicht? In diesem Jahr soll das Wirtschaftswachstum zudem mächtig schrumpfen.

          Rumänien

          Der Schrei nach Hilfe Zu sagen, dass Rumänien das Wasser bis zum Hals steht, wäre untertrieben. Es galt lange als das osteuropäische EU-Land mit den größten Chancen, eine mächtige Wirtschaftsnation zu werden. Nun aber hat es eines der größten Probleme in der Region: Mindestens 10, besser aber 20 Milliarden Euro braucht das Land, um die kommenden Monate zu überstehen. Seit vergangenem Montag verhandelt deshalb Staatspräsident Traian Basescu mit der EU und dem IWF über einen Kredit.

          Der Absturz kam rasant: Noch im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um knapp acht Prozent. In diesem Jahr stagniert sie bestenfalls. Schon in den letzten zwei Monaten 2008 litten Konsum, Bauwirtschaft und Exporte so stark, wie es keiner für möglich gehalten hätte. Rumänien produziert vorwiegend Autos, aber auch technische Geräte für die Euro-Zone, doch mit der Krise fielen auch die meisten Aufträge weg. Seit November haben bereits 120 000 Rumänen ihren Arbeitsplatz verloren. Gespart wird nun nicht nur in den Firmen: Auch die Regierung hat Mäßigung versprochen. Sie hatte eines der höchsten Leistungsbilanzdefizite der Ostländer aufgetürmt. Ihr fehlten 17 Milliarden Euro allein im Jahr 2008. Das entspricht zwölf Prozent der jährlichen Wirtschaftskraft. Dazu kommt noch die hohe Neuverschuldung in Höhe von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Regierung hat sich zwar vorgenommen, beide Defizite in Leistungsbilanz und Staatshaushalt zu senken, aber sämtliche ihrer Rechnungen beruhen noch auf der Annahme, dass die Wirtschaft im laufenden Jahr weiterwächst. Und danach sieht es nicht mehr aus. Ökonomen haben ihre Prognosen für das Land schon mehrmals nach unten korrigiert.

          Ukraine

          Schon fast bankrott

          Am ärgsten von allen osteuropäischen Ländern hat es die Ukraine getroffen. Sie ist auch das bevölkerungsreichste Land der Region, was das Ausmaß noch verschlimmert. Die Ukraine ist wie kaum ein anders Land abhängig von ihren Hauptexportgütern: Stahl und Öl. Seit die Krise die Nachfrage danach rasant gedrosselt hat, ringt Russlands Nachbarland mit der Pleite. Dazu kommen die enormen Energiekosten, die die Ukraine aufbringen muss, um die Gaslieferungen aus Russland zu bezahlen.

          Dass der Staat jetzt schon in Zahlungsschwierigkeiten steckt, wurde Anfang März deutlich: Nur mit Not und buchstäblich in letzter Sekunde brachte er die nötige Summe auf, um die russischen Gaslieferungen zu bezahlen. Die Pleite wollen einige Experten zwar noch nicht unmittelbar auf die Ukraine zukommen sehen, aber: Mehr als 80 Milliarden Euro Schulden hat das Land. Insgesamt 80 Prozent davon in Hartwährungen, vorwiegend Euro und Dollar. Der Großteil der Auslandsverschuldung lastet dabei auf den Banken. Sie sind inzwischen größtenteils verstaatlicht.

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