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Übernahmeversuch : Blitzableiter Monsanto

Giftiger Ruf: Monsanto gilt als Bösewicht der Branche. Bild: AP

In der aufgeladenen Debatte um den Übernahmeversuch hat Monsanto den Part des Bösewichts.Warum Bayer dennoch an die Vorteile eines Kaufs glaubt.

          3 Min.

          Vor einem Jahr schien der amerikanische Agrogigant Monsanto wieder einmal alle Vorurteile zu bestätigen. In einem feindlichen Manöver versuchte er, den Schweizer Wettbewerber Syngenta zu kaufen. Das passte bestens in das von Kritikern gepflegte Bild von Monsanto als Aggressor und Inbegriff des hässlichen Turbokapitalismus. Womöglich wird es manche Monsanto-Gegner daher mit einer gewissen Schadenfreude erfüllen, dass sich die Ausgangslage für den Konzern völlig gewandelt hat. Nicht nur scheiterte die erhoffte Syngenta-Transaktion. Monsanto ist sogar selbst zum Übernahmeziel geworden und sieht sich einem Kaufangebot der deutschen Bayer AG gegenüber. Der gefürchtete Agrokonzern steckt in der Defensive.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Ein Jäger kann eben schnell zum Gejagten werden. Nicht nur darin zeigt sich, dass die Rollen nicht immer so eindeutig verteilt sind, wie es Vorurteile nahelegen könnten. In der aufgeladenen Diskussion um Bayers Übernahmeversuch hat Monsanto den Part des Bösewichts gepachtet. Es wird gefragt, warum sich die Deutschen ein Unternehmen mit derart lädierter Reputation aufhalsen und damit ihr ethisches Profil besudeln wollen. Dabei wird fast automatisch angenommen, Bayer habe mehr Integrität als Monsanto. Aber die Wahrheit ist nicht schwarz und weiß. Man kann Monsanto mit Recht vieles vorwerfen, etwa ruppige Methoden im Umgang mit Bauern. Aber wer den Konzern dafür hasst, gentechnisch verändertes Saatgut herzustellen, sollte nicht vergessen, dass auch Bayer solche Produkte anbietet. Wer die Diskussion um etwaige Gesundheitsrisiken des Unkrautvernichters Glyphosat auf Monsanto beschränkt, unterschlägt, dass längst auch viele andere Unternehmen inklusive Bayer die Substanz verkaufen.

          Dunkle Flecken gibt es zudem auch in der Geschichte von Bayer, und dazu muss man nicht einmal bis in die Ära des Unternehmens als Teil des mit dem Nazi-Regime verflochtenen IG-Farben-Konzerns zurückgehen. Die Leverkusener betrieben sogar einmal ein Gemeinschaftsunternehmen mit Monsanto, das bei der Produktion des im Vietnam-Krieg eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange half. Und dass Bayer anders als Monsanto eine Pharmasparte hat, muss nicht zwangsläufig ein Pluspunkt sein, auch hier hat der Konzern keine weiße Weste. Mit dem wegen Nebenwirkungen vom Markt genommenen Cholesterinsenker Lipobay hat sich Bayer einen der größten Arzneimittelskandale der vergangenen Jahrzehnte geleistet.

          Blitzableiter der Branche

          Monsanto ist so etwas wie der Blitzableiter der Branche. Verlöre der Konzern seine Unabhängigkeit an Bayer, gerieten die Deutschen ohne Zweifel stärker in die Schusslinie. Aber gerade weil Bayer schon immer selbst anfällig für Kritik war, sollte bei der Beurteilung des Übernahmevorhabens die nüchterne Frage im Vordergrund stehen, ob es ein kluger betriebswirtschaftlicher Schachzug wäre. Tatsächlich hat Monsanto viel zu bieten. Das hochprofitable Saatgutgeschäft von Monsanto katapultierte Bayer an die globale Spitzenposition in diesem Markt. Das Agrogeschäft der Deutschen könnte dann auf zwei starken Säulen stehen und würde nicht mehr so stark von Pflanzenschutzmitteln abhängen. Die Übernahme erlaubte es Bayer, die Konsolidierung der Branche aktiv mitzugestalten, anstatt fürchten zu müssen, als einziger der großen Agrokonzerne allein zurückgelassen zu werden, wie es dem Wettbewerber BASF nun droht.

          Ob die Kartellbehörden mitspielen, ist eine andere Frage. Zwar überschneiden sich die Geschäfte von Bayer und Monsanto nicht allzu sehr. Aber nach Dow Chemical und Dupont sowie Syngenta und Chemchina würden Bayer und Monsanto zur dritten geplanten Großtransaktion, und die Kartellwächter dürften sich nun alle drei genauer ansehen. Bauernverbände schlagen schon Alarm. Sie fürchten nicht ohne Grund, dass Saatgut und Pflanzenschutzmittel teurer werden, wenn die Zahl der Hersteller so drastisch sinkt.

          Interessanter Zeitpunkt

          Bayers Griff nach Monsanto kommt zu einem interessanten Zeitpunkt. Die Amerikaner sind derzeit nicht in bester Verfassung, niedrige Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse belasten das Geschäft. Das muss aus Bayer-Sicht nicht gegen die Übernahme sprechen, sondern könnte eine günstige Kaufgelegenheit bedeuten, zumal der Aktienkurs von Monsanto zuletzt stark gefallen ist. Die Frage ist, wie lange die Schwächephase andauern wird. Monsanto wird versuchen, den Preis mit der Argumentation in die Höhe zu treiben, dass bald bessere Zeiten anbrechen. Das freilich ist ungewiss, zumal der Einsatz von Gentechnik, auf dem Monsantos Geschäftsmodell maßgeblich beruht, umstritten bleibt. Selbst auf Monsantos Heimatmarkt, traditionell ein gentechnikfreundliches Revier, werden auf regionaler Ebene Kennzeichnungspflichten für genmanipulierte Lebensmittel eingeführt.

          Eine Übernahme von Monsanto wäre für Bayer schon bei der jetzt gebotenen Summe ein Kraftakt. Der Konzern läuft Gefahr, sich finanziell zu übernehmen, erst recht, wenn Monsanto auf seiner Forderung nach einem erheblichen Nachschlag beharrt. Bayer geht ein gewaltiges Risiko ein. Das aber gilt ganz unabhängig von Fragen der Reputation.

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