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Queen in Deutschland : Geschäftsmodell Königin

Großbritannien leistet sich den mit Abstand teuersten Königshof der Welt. Bild: AFP

Großbritanniens Monarchin Elisabeth II. ist auf Staatsbesuch, oder ist eine der erfolgreichsten Familienunternehmerinnen der Welt in Deutschland gelandet?

          Es ist ein Unternehmen wie kein zweites: ein Familienbetrieb durch und durch, so bekannt wie Coca-Cola und Mercedes. Verschroben und hoffnungslos von gestern, verehrt und verachtet. Diese Woche ist die geschäftsführende Gesellschafterin – der Welt bekannt als Königin Elisabeth II. – auf Dienstreise in Deutschland. Staatstheater und royaler Komödienstadel, patriotischer Stolz der Nation und gelebter Anachronismus – die britische Königsfamilie der Windsors ist alles mögliche. Auch ein erstaunliches ökonomisches Phänomen. Ein Blick hinter die Kulissen einer seltsamen Weltmarke: Das Geschäftsmodell Nackte Prinzen am Billardtisch, ein Thronfolger, der mit Bäumen spricht, Hochzeiten und Todesfälle – die Endlos-Seifenoper der Windsors ist ein Verkaufsschlager.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Den Stoff dafür liefert das echte Leben, deshalb geht er nie aus. Und doch griffe es zu kurz, den Unternehmenserfolg darauf zu reduzieren: Die Briten wären die Letzten, die ihr königliches Unterhaltungsprogramm nicht zu schätzen wüssten. Zugleich ist die Königin aber eben auch staatstragende Mutter der Nation. Nichts bleibt, wie es ist, nur im Buckingham Palace scheint die Uhr in viktorianischen Zeiten stehengeblieben zu sein. Monarchietreue Briten finden das beruhigend. Spaßkonzern und patriotischer Stabilitätsanker in einem – einfach ist dieses Geschäftsmodell bestimmt nicht. Doch es hilft, dass im Vereinigten Königreich nichts so ernst genommen wird, als dass man sich nicht darüber lustig machen könnte.

          Mehrheit der Briten möchte den Windsors gerne ein Sparprogramm verordnen

          Keine Frage, das Unternehmen Windsor hat einen beneidenswert treuen Kundenstamm. Umfragen zeigen seit Jahren, dass eine klare Mehrheit der Briten an der konstitutionellen Monarchie im Land festhalten will. Zwar gibt es auch die sogenannte Republikaner-Bewegung, die für die Abschaffung der Monarchie streitet und auf einen harten Kern eingefleischter Unterstützer zählen kann. Aber über die Marke von 20 Prozent kamen die royalen Konsumverweigerer in Meinungsumfragen noch nie hinaus. Was nicht bedeutet, dass der Rest der Kundschaft nicht auf ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis achten würde. Vergangenen Monat zeigte eine Umfrage, dass eine Mehrheit der Briten den Windsors gerne ein Sparprogramm verordnen würde: Prinzessin Anne, Prinz Andrew und Prinz Edward – den jüngeren Kindern der Königin also – sollte nach Meinung der Bürger die Apanage gestrichen werden.

          Der ungebrochenen Beliebtheit können auch die Finanzen nichts anhaben: Nur 56 Pence (78 Cent) im Jahr koste die Monarchie jeden britischen Steuerzahler, rechnete vergangenes Jahr die königstreue Boulevardzeitung „Daily Express“ ihren Lesern vor. Diese Kalkulation ist aber, gelinde gesagt, umstritten. Sie berücksichtigt nämlich nur die direkten staatlichen Zuwendungen, lässt aber beträchtliche Kosten der Monarchie für den Staat außen vor. 40 Millionen Pfund erhielt der königliche Haushalt vergangenes Jahr an direkten Zahlungen in Form eines gesetzlich festgelegten Gewinnanteils an den Erträgen der königlichen Liegenschaften (Crown Estate).

          Marktwert lag 2012 bei 44 Milliarden Pfund

          Die tatsächlichen Kosten des Königshofs liegen allerdings, Schätzungen zufolge, bei rund 300 Millionen Pfund im Jahr. In dieser Rechnung sind auch beispielsweise die hohen Kosten für den Polizeischutz der Windsors und entgangene Einnahmen für den Staat aus den königlichen Ländereien enthalten. Großbritannien leistet sich damit den mit Abstand teuersten Königshof der Welt. Andererseits sind die Windsors ein Touristenmagnet: Ausländische Besucher auf den Spuren der Queen bringen dem Land jedes Jahr eine halbe Milliarde Pfund ein – behauptet jedenfalls die staatliche Tourismusförderung Visit UK. Die Marketingagentur Brand Finance bezifferte gar den Markenwert der Königsfamilie vor drei Jahren zum Kronjubiläum von Elisabeth II. mit staatlichen 44 Milliarden Pfund. Für die Gegner der Monarchie riechen solche Zahlen nach Bilanzbetrug.

          Sage niemand, im Buckingham Palace gehe man nicht mit der Zeit: Vergangenen Oktober hat die Königin im reifen Alter von 88 Jahren ihren ersten Tweet versandt. Wichtiger als solcher Schnickschnack ist aber: Das vermeintlich erzkonservative Unternehmen Windsor hat in seiner langen Firmengeschichte durchaus bewiesen, dass es zu radikalen Veränderungen bereit ist, um seine Zukunft zu sichern. Zum Beispiel im Jahr 1917: Damals sah sich George V., der Großvater der Königin, quasi zu einem Marken-Relaunch gezwungen. Zu unpopulär war während des Ersten Weltkriegs der Familienname des deutschstämmigen Geschlechts, Sachsen-Coburg und Gotha, geworden. Stattdessen legten sich die Royals den – willkürlich gewählten, aber dafür anheimelnd britisch klingenden – Namen Windsor zu. Auch die existenzbedrohende Imagekrise nach dem Tod von Diana, im Jahr 1997, überstand die Traditionsmarke mit einigen Blessuren.

          Als Keith Richards einmal gefragt wurde, warum die Leute eigentlich immer noch auf die Konzerte seiner Band gingen, antwortete er: „Es gibt die Sonne, es gibt den Mond und es gibt die Luft, die wir atmen – und dann gibt es noch die Rolling Stones.“ Dasselbe gilt wohl auch für den Familienbetrieb im Buckingham Palace. Fast alles kommt und geht, aber manche Dinge sind vermeintlich für die Ewigkeit gemacht. Deshalb bleiben sie.

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