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Saudi Aramco : Die Kehrtwende der Ölscheichs

Wertvolles saudisches Öl: Saudi Aramco scheint sich für private Investoren zu öffnen. Bild: AFP

Saudi Aramco ist die mächtigste Ölgesellschaft der Welt. Sie ist mindestens doppelt so viel wert wie der Technologiekonzern Apple. Ausgerechnet Saudi Aramco scheint sich für private Investoren zu öffnen. Warum das so revolutionär ist.

          3 Min.

          Die Mitteilung, die am Freitag auf der Internetseite des Ölkonzerns Saudi Aramco erschienen ist, war nur wenige Zeilen lang. Aber was dort zu lesen steht, galt noch vor kurzem als undenkbar: Saudi Aramco, die vom Könighaus Saud beherrschte mächtigste Ölgesellschaft der Welt, könnte sich für private Investoren öffnen und an die Börse gehen. Ausgelotet werde die Börsenplatzierung eines „angemessenen Anteils“, schreibt Saudi Aramco. Möglich sei sowohl ein Börsengang des gesamten Unternehmens als auch von Teilen des Raffinerie- und Chemiegeschäfts. Zuvor hatte bereits der einflussreiche saudische Vize-Kronprinz Muhammad Bin Salman überraschend einen Börsengang von Saudi Aramco in einem Interview ins Spiel gebracht. Eine Entscheidung soll schon in den kommenden Monaten fallen.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es wäre ein revolutionärer Kurswechsel: Die Herrschaft der Saud ist eines der repressivsten Regime der Welt. Doch zumindest wirtschaftlich würde das Königshaus mit dem Börsengang mehr Offenheit signalisieren. Saudi-Arabiens staatseigener Ölmonopolist ist der Kronjuwel der saudischen Volkswirtschaft. Der Konzern ist der wichtigste Spieler im globalen Geschäft mit dem Erdöl. Im vergangenen Jahr hat der Gigant als einzelnes Unternehmen mehr Rohöl aus dem Boden gepumpt als die gesamte Ölindustrie in den Vereinigten Staaten. Saudi Aramco deckt mehr als 10 Prozent des globalen Ölverbrauchs und kontrolliert nach eigenen Angaben rund 15 Prozent aller Ölreserven auf der Welt. Damit wäre Saudi Aramco mehr als zehnmal so groß wie der amerikanische Konkurrent Exxon-Mobil („Esso“), der bislang größte private Ölkonzern der Welt.

          Mindestens doppelt so viel wert wie Apple

          Das Londoner Analysehaus Capital Economics schätzt, dass Saudi Aramco zwischen 1 und 10 Billionen Dollar wert sein könnte. Bisher ist Apple mit einem Marktwert von bestenfalls der Hälfte – derzeit sind es rund 530 Milliarden Dollar – das wertvollste Börsenunternehmen der Welt. Allerdings zeigt schon allein die große Bandbreite der Analystenschätzung, wie schwer das hochgradig intransparente saudische Unternehmen zu bewerten ist. Der Geschäftsbericht von Saudi Aramco für 2014 ist zwar rund 90 Seiten dick, enthält aber keinerlei Angaben zu Umsatz und Ergebnis des Konzerns insgesamt. Außerdem will das Königshaus der Saud in jedem Fall die Kontrolle über das Unternehmen behalten: Der britischen Zeitschrift „Economist“ zufolge könnten zunächst lediglich rund 5 Prozent an die Börse kommen. Denkbar ist außerdem, dass Investoren sich nur an relativ unbedeutenden Teilen des Unternehmens beteiligen können.

          Rund vier Jahrzehnte ist es her, dass Saudi-Arabien seine Ölindustrie verstaatlicht hat. Jetzt verspricht der mögliche Börsengang seines Ölmonopolisten eine radikale Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik des Landes. Die Bedeutung des Unternehmensriesen für Saudi-Arabien ist kaum zu überschätzen: In der Gesellschaft ist praktisch die gesamte Ölindustrie des Landes gebündelt und die Petrodollars machen fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung sowie 90 Prozent der Exporteinnahmen Saudi-Arabiens aus. Öffentliche Dienstleistungen werden nicht in erster Linie mit Steuern, sondern mit Öleinnahmen finanziert.

          Aber warum stellen die Ölscheichs gerade jetzt einen Börsengang von Saudi Aramco in Aussicht? Rein wirtschaftlich betrachtet gibt es dafür kaum einen schlechteren Zeitpunkt. Schließlich ist der Ölpreis in den vergangenen anderthalb Jahren um rund 70 Prozent gefallen und notierte diese Woche zeitweise so niedrig wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Andererseits jedoch würde, angesichts der enormen Größe von Saudi Aramco, schon die Börsenplazierung eines kleinen Anteils dem saudischen Staat wohl hohe Einnahmen bringen – und die braucht das Land derzeit auch wegen der schwächeren Öleinnahmen dringend.

          Der Sparkurs könnte gemildert werden

          Mit dem Verkaufserlös könnten Saudi-Arabiens Herrscher den Sparkurs mildern, den das Land wegen des Ölpreisverfalls eingeschlagen hat. Denn eine harte Austeritätspolitik gefährdet womöglich die Herrschaft der Saud, die ihre Bevölkerung bisher mit finanziellen Wohltaten für die fehlende Freiheit entschädigt haben. In Zeiten des Billigöls tut sich die Königsfamilie immer schwerer, ihre Macht mit Geldgaben abzusichern.

          Der Staatshaushalt für 2016 sieht Ausgabenkürzungen um rund 14 Prozent vor. Kurz vor dem Jahreswechsel wurden schon die üppigen Energiesubventionen gekürzt. Die Spritpreise, die zuvor zu den niedrigsten der Welt gezählt hatten, stiegen dadurch rapide. Die Regierung versucht so, das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen. Analysten der britischen Großbank Barclays schätzen, dass sich die Öleinnahmen im vergangenen Jahr mehr als halbiert haben. Das staatliche Haushaltsdefizit hat sich auf 15 Prozent der Wirtschaftsleistung mehr als versechsfacht. Allerdings verfügt das Land über hohe Reserven. Bisher ist der Schuldenstand des Staates mit weniger als 6 Prozent der Wirtschaftsleistung extrem niedrig. Das reiche Saudi-Arabien steht weit besser da als viele andere Mitglieder des Ölstaaten-Kartells Opec.

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