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Kennzeichnung für Verbraucher : Die Lebensmittelampel ist höchst umstritten

Laut Erfahrungsberichten aus Großbrittanien würden Produkte mit mehreren Zutaten im roten Bereich seltener gekauft, solche mit grünen Punkten dagegen mehr. Bild: dpa

Rot heißt ungesund, Grün steht für gesund – Verbraucherschützer fordern Kennzeichnungen auf Lebensmitteln. Einige europäische Länder haben sie schon eingeführt. Doch Ministerin Klöckner bremst.

          Wer bislang wissen will, wie gesund oder ungesund ein Produkt aus dem Supermarkt ist, muss gute Augen haben. Für die Zutatenliste auf der Rückseite der Verpackung schreibt die EU gerade mal eine Mindestschriftgröße von 1,2 Millimetern vor – bezogen auf die Höhe des kleinen „x“. Bei besonders kleinen Produkten reichen auch 0,9 Millimeter. Kein Wunder, dass sich nur die wenigsten Verbraucher die Mühe machen, Zutatenliste und Nährwerttabelle vor dem Kauf zu studieren.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Verbraucherschützer fordern deshalb schon seit längerem, dass Lebensmittelhersteller ihre Produkte mit einem Ampelsystem kennzeichnen sollten, von Rot für ungesunde bis Grün für gesunde Lebensmittel. Und zwar plakativ auf der Vorderseite des Produkts, damit es auch wirklich jeder auf Anhieb sieht. Diese Forderung wiederholte die Organisation Foodwatch nun noch einmal im Rahmen der Landwirtschaftsmesse „Grüne Woche“ in Berlin – und holte sich prompt ein weiteres Mal einen Korb von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU).

          „Sie wissen, ich bin kein Freund der Ampel“, sagte Klöckner auf einem Empfang des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Die Ampel sei zu simpel gedacht und könne die Verbraucher am Ende sogar täuschen. Die in anderen Ländern genutzten Modelle hätten alle ihre Tücken. Die gelte es erst mal zu analysieren. Und überhaupt, betonte die Ministerin: Egal, welches System Deutschland am Ende für das beste halte, es werde in jedem Fall ein freiwilliges sein, „das der Einzelhandel und die Unternehmen einführen können, aber nicht einführen müssen“.

          Foodwatch hatte zuletzt vor allem für das französische Ampelsystem geworben, den „Nutriscore“. Bei diesem System werden sowohl gesunde als auch ungesunde Bestandteile eines Produktes bewertet und zu einem Punktwert verrechnet. Dieser wird dann auf eine fünfstufige Farbskala von Grün bis Rot übersetzt. Auch in Frankreich ist die Ampelkennzeichnung freiwillig. Eingeführt wurde sie 2017 unter anderem auf Druck des französischen Gesundheitsministeriums.

          Großbritannien gilt als Pionier

          Spanien hat Ende vergangenen Jahres angekündigt, das Modell übernehmen zu wollen. Auch deshalb wächst der Druck auf die Bundesregierung, nicht mehr länger zu warten. Zudem haben die ersten Unternehmen schon angekündigt, auch ohne Vorgaben aus Berlin aktiv zu werden. Sowohl Iglo als auch Danone wollen von diesem Frühjahr an auch in Deutschland nach und nach die Nutriscore-Ampel auf ihre Verpackungen drucken.

          Als Pionier in puncto Ampelkennzeichnung gilt Großbritannien. Dort wurde sie schon 2013 eingeführt – ebenfalls auf freiwilliger Basis. Zuvor hatte unter anderem der staatliche Gesundheitsdienst NHS Druck gemacht. Anders als in Frankreich prangen in Großbritannien gleich mehrere Ampeln auf den Produkten. Sie zeigen an, ob der Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz jeweils im roten, grünen oder gelben Bereich liegt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind mittlerweile zwei Drittel aller Produkte auf dem britischen Lebensmittelmarkt so gekennzeichnet.

          Glaubt man den britischen Supermarktketten, verändert das Ampelsystem das Kaufverhalten der Menschen durchaus. Unisono berichteten sie nach der Einführung, Produkte mit mehreren Zutaten im roten Bereich würden seltener gekauft, solche mit mehreren grünen Punkten dagegen mehr. Kritiker verweisen allerdings darauf, dass etwa ein Produkt wie „Diet Coke“ in jeder Kategorie „grün“ ist, weil es kein Fett, Zucker oder Salz enthält, aber angesichts der vielen künstlichen Inhaltsstoffe schwerlich als gesund zu bezeichnen sei.

          Das Thema Lebensmittelampel dürfte die Bundesregierung in den kommenden Monaten weiter beschäftigen. Im Koalitionsvertrag hatten sich CDU/CSU und SPD darauf verständigt, bis zum Sommer 2019 gemeinsam mit Lebensmittel- und Verbraucherverbänden ein Konzept zu erarbeiten. Das Wort „Ampel“ fällt im Koalitionsvertrag allerdings nicht, stattdessen ist nur davon die Rede, dass das bestehende Kennzeichnungssystem „weiterentwickelt“ und „gebenenfalls vereinfacht visualisiert“ werden soll.

          Klöckners Ministerium dämpfte zum Ende der Grünen Woche schon einmal vorsorglich die Erwartungen. Man beschäftige sich zwar „intensiv“ mit der Thematik, wolle aber doch auch darauf hinweisen, dass die „Etablierung eines vereinfachten Nährwertkennzeichnungssystems“ nach EU-Recht nur auf freiwilliger Basis zulässig sei. Den entsprechenden Quellennachweis liefert das Ministerium Foodwatch & Co. gleich mit: Lebensmittelinformations-Verordnung, Artikel 35 VO Nr. 1169/2011.

          Der Tenor der Ministerin: Wer die Lebensmittelampel zur Pflicht machen wolle, müsse zunächst das EU-Recht ändern. Dies aber dürfte angesichts der unterschiedlichen Interessen der Länder schwierig sein. Im Jahr 2010 hatte sich das EU-Parlament schon einmal mit einem Vorstoß von Ärzten und Verbraucherschützern befasst, die Ampel verpflichtend einzuführen. Damals hat es ihn mit großer Mehrheit abgelehnt.

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