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Die Kunst des Schenkens : Ich hab' schon alles!

Wir verschenken Dinge nicht nur, um anderen Gutes zu tun. Schenken ist oft ganz egoistisch. Entweder hoffen wir später auf eine Gegenleistung. Oder wir wollen uns einen Verbündeten gewogen halten. Bild: Illustration Thilo Rothacker

Der Gastgeber wünscht sich eine Spende statt Geschenke: für den Gast eine kniffelige Entscheidung. Wie viel soll er spenden? Und soll er trotzdem etwas mitbringen?

          Wasser, verwaiste Orang-Utan-Babys, Bäume, Kinder in Not, Ärzte ohne Grenzen - all das und vieles andere ist möglich. Nur das klassische Geschenk geht nicht mehr. Oder besser: immer weniger. Wer einen runden Geburtstag feiert, bittet heute viel öfter noch als früher seine Gäste darum, "von Geschenken abzusehen" und für einen bestimmten Zweck sein Geld zu geben.

          Inge Kloepfer

          Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Beschenkte ist plötzlich zum Wohltäter geworden, der seine Gratulanten durch die Spendenbitte ebenfalls zum Gutmenschsein verdonnert. Geburtstage geraten zu Benefizveranstaltungen. Im Fachjargon nennt sich so etwas "Anlassspende" - für die Organisationen eine wahre Goldgrube.

          Michael Urselmann weiß, wovon die Rede ist. Der Kölner Professor für angewandte Sozialwissenschaften beschäftigt sich schon lange mit Fundraising. "Die Bedeutung von Anlassspenden wächst überproportional", sagt er. "Fast 90 Prozent der gemeinnützigen Organisationen setzen sie inzwischen als eines ihrer Top-Instrumente ein."

          Urselmann hat eine Vielzahl von Fundraising-Führungskräften dazu befragt. Der Trend ist eindeutig. Die Menschen wollen auch an ihren Geburtstagen Gutes tun. Wie hoch das Aufkommen ist, wie effizient also die Jubilare ihre Gratulanten in die Spenderrolle drängen, kann allerdings kaum jemand sagen. Noch fehlen die Zahlen. Zwischen 4 und 6 Milliarden Euro soll das Spendenaufkommen in Deutschland jährlich betragen. Privatpersonen steuern dazu nach Aussage des Deutschen Spendenrats fast 2,3 Milliarden bei. "Befördert wird die Entwicklung hin zu den Anlassspenden durch die neuen Kommunikationstechnologien", meint der Wissenschaftler. Plattformen, über die man Spendenaufrufe starten kann, gibt es immer mehr. Die heißen Betterplace, Helpedia oder Altruja und versprechen: "Erhöhen Sie jetzt mit Online Fundraising ihr Spendenvolumen nachhaltig." Inzwischen posten dort auch 70-Jährige.

          Vorbei also die Zeiten, in denen man mit ausgewählten Geschenken einen Gastgeber erfreuen, wertschätzen oder beschämen konnte. Anlassspenden stören diese klassische Konvention des Schenkens, wenn die Gabe als Dank für eine Einladung genauso erwartet wird wie die Gegeneinladung, zu der der vormals Beschenkte dann mit der Gegengabe aufwartet.

          Dabei handelt es sich um eine Art gesellschaftlichen Kodex, der immerhin seit Menschengedenken existiert und der jetzt durch den Spendenwahn so mir nichts, dir nichts ausgehebelt wird. Der französische Soziologe Marcel Mauss hat sich zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts in seinem Werk "Die Gabe" mit diesem ausgeklügelten System des Gebens und Erwiderns befasst. Kein Forscher, der sich mit der Ökonomie des Schenkens oder Spendens auseinandersetzt, kommt ohne Mauss' Erkenntnis aus.

          Wer auf Geschenke verzichtet, bringt ein Spiel von Geben und Nehmen durcheinander.

          Schenken war offenbar schon in archaischen Gesellschaften eine Form des wirtschaftlichen Handels und alles andere als altruistisch. Mauss hatte die Gaben als Leistungen entlarvt, die nicht nur gegeben werden, "um Dienste oder Sachen zu bezahlen, sondern auch, um ein nutzbringendes Bündnis aufrechtzuerhalten, das nicht einmal abgelehnt werden kann".

          So war es damals. Und auch in der Moderne steht seiner Meinung nach ein großer Teil unserer Moral immer noch in jener Atmosphäre der Verpflichtung zur Gabe. Nicht zuletzt deshalb, weil nicht erwiderte Gaben jenen erniedrigen, der sie angenommen hat, allzu milde Gaben den verletzen, der sie empfängt, und allzu großzügige Einladungen den Beigeschmack der Gönnerhaftigkeit haben, der der Eingeladene durch ein üppiges Geschenk zu entkommen sucht. Keiner konnte und durfte nach Mauss in dieser "Sphäre des gesellschaftlichen Lebens" im Rückstand bleiben. "Immer müssen wir mehr zurückgeben, als wir erhalten. Die ,Runde' wird immer teurer." Wer kennt das nicht?

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