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Kerstin Andreae : Grünen-Politikerin wechselt zum Energieverband BDEW

Freut sich über einen neuen Job: Grünen-Politikerin Kerstin Andreae. Bild: dpa

In Zeiten von Klimaschutz und Energiewende rüstet die Energiewirtschaft ökologisch auf: Eine Abgeordnete der Grünen soll künftig die Geschäfte des größten deutschen Energiewirtschaftsverbands leiten.

          Die Grünen-Politikerin Kerstin Andreae soll neue Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) werden. „Das Präsidium des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat einstimmig beschlossen, dem BDEW-Vorstand Kerstin Andreae, wirtschaftspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, als neue Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung vorzuschlagen“, teilte der Verband am Montag mit. Sie soll baldmöglichst auf Stefan Kapferer (FDP) folgen, der zum Netzbetreiber 50 Hertz geht. Andreae selbst wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Sie galt schon seit Wochen als potentielle Anwärterin auf den Posten. Formell muss sie noch vom Vorstand des Verbands bestellt werde, das gilt aber als sicher, auch wenn das Präsidium des einflussreichen Lobbyverbands Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) als neuen Chef der Geschäftsführung wohl bevorzugt hätte. Der hatte nach zweiwöchiger Bedenkzeit am Montagvormittag aber abgesagt. „Mein Platz ist in Niedersachsen“, hatte er erklärt. Die Entscheidung sei auch ein „klares Bekenntnis zur SPD“.

          Der BDEW vertritt 1900 Unternehmen der deutschen Strom-, Gas- und Wasserwirtschaft, damit auch die auslaufenden Stromerzeugungsarten Atom- und Kohle. In den vergangenen Jahren hatte sich der Verband immer mehr in Richtung der Erneuerbaren und neuer Technologien geöffnet. Digitale Anwendungen, etwa für das elektrische Autofahren, spielen eine wachsende Rolle.

          Andreae legt wohl Bundestagsmandat nieder

          Die Hinwendung zu „grünen“ Energien hatte auch personell ihren Niederschlag gefunden. Johannes Kempmann, der von 2014 bis 2018 den Verband als Präsident führte, ist Mitglied der Grünen, seine Nachfolgerin Marie-Luise Wolff, im Hauptberuf Chefin des Darmstädter Energieversorgers Entega, verficht den Grünen nahestehenden energiepolitische Positionen. Mit der Wirtschaftspolitikerin Andreae würde allerdings erstmals eine grüne Parteipolitikerin das operative Geschäft im größten deutschen Energieverbands führen und die beiden Spitzenposten des Verbands weiblich besetzt.

          Es wird erwartet, dass die 50 Jahre alte dreifache Mutter ihr Bundestagsmandat vor Amtsantritt niederlegt. Sie wäre nicht die erste Frau an der Spitze des Verbands. Vor Kapferer hatte die frühere CDU-Politikerin Hildegard Müller, heute Netzvorstand beim Energiekonzern Innogy AG, von 2008 bis 2016 den Verband geführt. Andreae wäre auch nicht die erste Grünenpolitikerin an der Spitze eines Energieverbands. Simone Peter, die ehemalige Parteivorsitzende und saarländische Ministerin für Umwelt, Energie und Verkehr ist seit einem Jahr Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE).

          Gute Beziehungen zur Wirtschaft

          Kerstin Andreae gilt als einer der Treiber für die stärkere Öffnung der Grünen hin zur Wirtschaft. Im vergangenen Herbst rief sie den „Wirtschaftsbeirat“ der Partei ins Leben, ein illustres Gremium mit rund 50 Managern, manche Grünen-nah, viele aber auch eher Grünen-fern. Thomas Jorberg, Chef der Öko-Bank GLS, ist ebenso dabei wie BASF-Vorstandschef Martin Brudermüller, Hagen Pfundner vom Pharmakonzern Roche und Christian Knell von Heidelberg Cement. Das jüngste Treffen fand Anfang Juni in einem Hotel im Berliner Szenebezirk Friedrichshain statt. Zum Sommerabend der Fraktion in der Nachbarschaft nahmen die Grünen die Wirtschaftsleute später gleich mit.

          Es gebe bei diesen Treffen durchaus sehr kontroverse Diskussionen, betonte Andreae immer wieder. Aber das ist Zeitfenster ist günstig, denn klar ist auch: Beide Seiten brauchen einander. Wenn die Partei tatsächlich in einer schwarz-grünen oder womöglich sogar grün-schwarzen Bundesregierung regieren will, muss sie auch Politikfelder jenseits ihres Markenkerns besetzen.

          Umgekehrt braucht die Wirtschaft die Grünen: Die Vorgaben aus Berlin in punkto Klimaschutz werden strenger, das steht fest. Besser, man ist im Gespräch, denkt sich da auch der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) und lud kürzlich schon zum zweiten Mal in Folge Parteichefin Annalena Baerbock zu seiner Jahrestagung ein. Die hatte zuvor schon mal laut darüber nachgedacht, ob man nicht die Zuständigkeit für die Energie aus dem Wirtschaftsministerium lösen und ein machtvolles Umweltministerium schaffen sollte.

          In den Berliner Gedankenspielen, wer in einer Bundesregierung mit den Grünen das Wirtschaftsministerium übernehmen könnte, fiel zuletzt neben Namen wie Cem Özdemir, verkehrspolitischer Sprecher der Partei, und Tarek Al-Wazir, seines Zeichens Wirtschaftsminister in Hessen, immer wieder auch Andreaes Name. Auf diesen doch sehr vagen Hoffnungswert wollte sie aber offensichtlich nicht warten.

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