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F.A.Z. exklusiv : Deutsche geben 100 Milliarden für Wellness & Co. aus

  • -Aktualisiert am

Wohnortnah Tag und Nacht erreichbar: Apothekendienst Bild: obs

Seit Jahren wächst die Gesundheitsbranche stark - sie ist mittlerweile gar größer als die Autoindustrie. Dazu tragen auch ganz bestimmte private Ausgaben bei.

          Jeder vierte Euro für Gesundheitsleistungen in Deutschland wird inzwischen privat aufgebracht. Das geht aus einer der F.A.Z. vorliegenden Analyse des deutschen Gesundheitsmarktes durch das Bundeswirtschaftsministerium hervor. Demnach gaben die Bundesbürger im vergangenen Jahr 432 Milliarden Euro für Produkte und Dienstleistungen rund um die Gesundheit aus. Gut 25 Prozent davon, etwa 111 Milliarden Euro, entfielen auf den sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt. Auf ihm zahlen die Kunden selbst und nicht die Krankenversicherung.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die großen Ausgabenblöcke für Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und Arzneimittel sind weiterhin zu annähernd 90 Prozent über die Krankenkassen finanziert. Doch der Markt der Anbieter von Gesundheitssport, Fitness, Wellness und Tourismus gewinnt an Bedeutung. „Gesundheits-Apps, Wellnessangebote und Gesundheitstourismus stellen einen wachsenden und zukunftsträchtigen Markt dar“, heißt es in der Analyse.

          Dieser Sektor, den die Statistiker „erweiterte Gesundheitswirtschaft“ nennen, setzte voriges Jahr fast 100 Milliarden Euro um. Zwei Drittel davon zahlten die Leute aus der eigenen Tasche. Auch in der industriellen Gesundheitswirtschaft – dazu gehören Produzenten von Arzneimitteln und Medizingeräten sowie Hersteller von Heil- und Hilfsmitteln – ist die Selbstzahlerquote von knapp 25 Prozent bei einem Jahresumsatz von 60 Milliarden Euro vergleichsweise hoch.

          Die Branche schaffe „Beschäftigung, Wachstum und Wohlstand“

          Es ist aber nicht allein den Privatzahlern zuzuschreiben, dass sich die deutsche Gesundheitsbranche als quicklebendiger Wachstumsträger und Beschäftigungsmotor erweist. Sie ist zwar extrem zersplittert und eher regional als international ausgerichtet, sie ist aber weit größer als die international agierende deutsche Automobilindustrie. Das Zahlenwerk des Wirtschaftsministeriums unterstreicht die seit Jahren wachsende Bedeutung des Sektors. Da die statistischen Abgrenzungen verändert wurden, sind Vergleiche mit den Vorjahren schwierig. Es bleibt aber bei der Feststellung, dass die Gesundheitswirtschaft seit 2005 jedes Jahr ihre Bruttowertschöpfung stärker ausgeweitet hat als die Gesamtwirtschaft.

          Die Gesundheitswirtschaft sei eine der größten Branchen in Deutschland, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig (SPD). „Unsere Zahlen zeigen: Sie schafft in hohem Maße Beschäftigung, Wachstum und Wohlstand.“ Mit annähend 7 Millionen Menschen beschäftige die Branche fast so viele Menschen wie das gesamte verarbeitende Gewerbe. Dabei stehe die Gesundheitswirtschaft nicht nur für eine gute Versorgung im Inland. Auch das Ausland frage in Deutschland gefertigte Arzneimittel, Medizintechnik und Dienstleistungen in hohem Maße nach. Im vergangenen Jahr stieg die Ausfuhr auf 116 Milliarden Euro und damit auf einen Rekord. Gegenüber dem Jahr 2005 hat sich der Export mehr als verdoppelt.

          Mit Praxen von Ärzten und Therapeuten, Betreuungsdiensten, Apotheken Krankenhäusern und Pflegeheimen ist die Branche vor allem nah am Wohnort der Patienten aktiv. Krisenfest ist sie überdies. Dem tiefen Wachstumseinbruch im Gefolge der Wirtschaftskrise des Jahres 2009 hat sie mit positiven Zahlen getrotzt. Ihre Rolle als Antreiber des Exports ist nicht zu übersehen. Vor allem die Pharmabranche und die Medizintechnikhersteller sind für ein Zehntel des Außenhandelsüberschusses verantwortlich. Beide Branchen exportierten 2016 Güter für mehr als 90 Milliarden Euro.

          Trump und Brexit gelten als Risiko für die Gesundheitsindustrie

          Die Gesundheitswirtschaft ist eine personalintensive Branche. Ihr stetes Wachstum schafft zusätzliche Arbeitsplätze, allein seit 2005 sind eine Million auf nunmehr sieben Millionen hinzugekommen. Die meisten Beschäftigten – 1,2 Millionen – arbeiteten in Krankenhäusern, weitere 800000 in Rehakliniken und Heimen. Im ambulanten Sektor sind nach den Zahlen des Wirtschaftsministeriums 2,4 Millionen Menschen tätig. Hinzu kommen mehr als 900000 Erwerbstätige in der Industrie.

          Wichtigste Handelspartner der Industrie sind neben den EU-Staaten Amerika, China und Japan. Gerade in China steige die Nachfrage nach einer qualitativ guten Versorgung, getrieben durch den demographischen Wandel und eine wachsende Mittelschicht. Andererseits beabsichtige die dortige Regierung, heimische Hersteller stärker zu fördern.

          In Amerika sei zwar mit weiterhin hohen Gesundheitsausgaben zu rechnen. Andererseits könnte es unter Präsident Donald Trump zu protektionistischen Tendenzen und einer Marktabschottung kommen. Auch der Brexit gilt im Wirtschaftsministerium als Risiko für die exportorientierte deutsche Gesundheitsindustrie. Denn Großbritannien sei in der EU einer der wichtigsten Abnehmer für Arzneien und Medizintechnik. Dies könnte sich ändern, falls EU-Zulassungen in Frage gestellt würden.

          Gesundheitswirtschaft konzentriere sich stark auf einige Länder

          Erstmals hat das Wirtschaftsministerium untersucht, welche Bedeutung die Gesundheitswirtschaft für die einzelnen Bundesländer hat. Zwar legten die absoluten Zahlen nahe, dass der Gesundheitswirtschaft in den Stadtstaaten eine besonders wichtige Rolle zukomme. Doch gemessen an ihrem Beitrag zur Wirtschaft sei ihre Stärke in den Flächenländern am größten. Am bedeutendsten sei sie in Schleswig Holstein, wo sie 15,8 Prozent der Wertschöpfung erwirtschafte, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern.

          Die in Clustern organisierte industrielle Gesundheitswirtschaft konzentriere sich daher stark auf einige Länder. In Hessen und Baden-Württemberg habe sie mit 35 und 30 Prozent einen überproportional hohen Anteil an der Gesundheitswirtschaft. In Mecklenburg-Vorpommern komme die Industrie hingegen nur auf einen Anteil von 12,5 Prozent an den Leistungen der Gesundheitswirtschaft, der Bundesschnitt liege bei 21 Prozent. Brandenburg wiederum sei das Bundesland, in dem die industrielle Gesundheitswirtschaft am stärksten wachse, seit 2005 mit durchschnittlich 5,8 Prozent im Jahr.

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