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: Die ganz normalen Reichen

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So hatte es sich die Bundesregierung sicher nicht gedacht. Im Entwurf des neuesten Armuts- und Reichtumsberichts legte sie fest: Reich ist in Deutschland, wer mehr als das Doppelte des Durchschnittseinkommens (gewichtet nach Haushaltsgröße) kassiert.

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          So hatte es sich die Bundesregierung sicher nicht gedacht. Im Entwurf des neuesten Armuts- und Reichtumsberichts legte sie fest: Reich ist in Deutschland, wer mehr als das Doppelte des Durchschnittseinkommens (gewichtet nach Haushaltsgröße) kassiert. Das sind für einen Single zurzeit 3418 Euro netto inklusive Vermögenserträge, für eine Familie mit zwei Kindern 7177 Euro. Dumm nur, dass gleichzeitig eine Debatte über die Diäten der Bundestagsabgeordneten geführt wurde. Und wer einmal genau nachrechnete, der stellte fest: Auch ohne Diätenerhöhung liegt der Single-Abgeordnete über der von der Regierung festgelegten Reichtumsgrenze. Dies gilt wohlgemerkt, bevor jeglicher Nebenverdienst berücksichtigt wurde.

          Ist der deutsche Abgeordnete also mit Reichtum gesegnet? Der Deutsche Bundestag - ein Parlament der Reichen? Wohl eher nicht. Es scheint vielmehr so, als sei die Definition von Reichtum, die hier verwendet wird, nicht brauchbar. Zumindest stimmt sie nicht überein mit dem, was der normale Deutsche für reich hält. Das haben auch die Forscher des Armuts- und Reichtumsberichts festgestellt. Sie befragten Menschen, von welchem persönlichen Nettoeinkommen an sie jemanden als "reich" bezeichnen. Die Angaben lagen weit auseinander; der Mittelwert war aber mit 27 000 Euro netto im Monat deutlich höher als die Grenze, die der Reichtumsbericht verwendet.

          Auch Martin Werding, Forscher für Sozialpolitik am Münchener Ifo-Institut, sagt: "3418 Euro netto im Monat klingt seltsam niedrig." Die Forschung zu Einkommensstrukturen sei ein Randgebiet in der Ökonomie. "Da etablieren sich Kennziffern, die keine Systematik haben." So sei etwa die Armutsrisikogrenze im Bericht als 60 Prozent eines mittleren Einkommens definiert, die Reichtumsgrenze als 200 Prozent eines mittleren Einkommens. Diese mittleren Einkommen seien aber jeweils unterschiedlich berechnet worden. "Das ist schiere Willkür."

          So sehen das auch Menschen, die die sogenannte Reichtumsgrenze knapp überschreiten. Familie Reich etwa (siehe Text rechts) hat das Gefühl, dass sie gut lebt. Reich fühlen sich die Reichs nicht. Der gutbezahlte Junganwalt (siehe Text unten) sagt: "Echte Millionäre würden lachen, mit wie viel Arbeit ich meine Kröten verdiene." Der Soziologe Thomas Druyen, der seit Jahren die Reichen erforscht, setzt Reichtum deshalb dort an, wo man von den Zinsen seines Vermögens theoretisch leben könnte. Diese Grenze verortet er bei drei Millionen Euro. "Es ist absurd, bei 3418 Euro netto im Monat von Reichtum zu sprechen", sagt er. "Wenn ich die Reichtumsforschung so weit unten beginne, dann kann ich die halbe Gesellschaft untersuchen."

          Das stimmt nicht ganz. Knapp neun Prozent der Bevölkerung überschritten im Jahr 2003 die von der Regierung gesetzte Grenze. Das sind 6,8 Millionen Menschen. Der Frankfurter Ökonom Richard Hauser, der an der Erarbeitung des Berichts beteiligt war, sagt: "Interessant ist sowieso nicht die Grenze an sich, sondern die Frage: Wer liegt darüber?"

          Das sind in Deutschland vor allem Alte und Selbständige. Mehr als jeder vierte Pensionär ist darunter und jeder zehnte Rentner, aber auch jeder vierte Selbständige (siehe Grafik). Beamte lagen mit 12,6 Prozent Reichtum deutlich über den einfachen Angestellten, die zu 8,4 Prozent die Hürde nehmen. Schlecht sieht es für Arbeiter, Arbeitslose und für die Unter-55-Jährigen aus. Es gilt: Je jünger, desto weniger wohlhabend. Dazu kommt: Die Gutverdiener sind mehr geworden, und sie sind reicher geworden.

          So weit, so aufschlussreich. Doch das Enttäuschende ist: Viel mehr erfährt man nicht. Zwar nennt sich das 413 Seiten zählende Mammutwerk "Armuts- und Reichtumsbericht", doch dem Reichtum sind gerade einmal 14 Seiten und ein paar Tabellen im Anhang gewidmet. Der große Rest beschäftigt sich mit Armut. Wenn es um das obere Ende der Gehaltsskala geht, ist Deutschland seltsam stumm. Über Geld spricht man nicht. Das hat man.

          Wer etwa Reihen sucht, die die Entwicklung der Gutbetuchten über viele Jahre in Deutschland verfolgen, muss auf Quellen zurückgreifen, die sich eher als Nebenprodukt mit Reichen beschäftigen. So zeigt etwa eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): 1986 verdienten erst 5,3 Prozent der Bevölkerung das Doppelte des mittleren Einkommens. 2006 waren es schon 9,2 Prozent. DIW-Ökonom Joachim Frick erklärt das mit der deutlichen Zunahme der Unternehmensgewinne in den vergangenen Jahren, von denen vor allem Unternehmer und Anleger profitiert hätten, sowie mit der Senkung des Spitzensteuersatzes.

          Einige Studien gewähren auch kleine Einblicke in die Familienverhältnisse der Wohlhabenden. Demnach sind unter den Einkommensstarken überproportional viele Paare ohne Kinder, aber auch besonders viele Paare mit mehr als zwei Kindern. Der Großteil der Singles und Alleinerziehenden schafft es dagegen nicht über die Schwelle.

          Doch all diese Studien sind kaum miteinander vergleichbar. Denn Reichtum ist für jeden Forscher etwas anderes. „Es sollte uns zu denken geben, dass wir noch nicht einmal den Begriff des Reichen definieren können“, sagt Soziologe Druyen, „und dass Reichtum in Deutschland kaum erforscht wird.“ Das gilt besonders für die Politik. Denn die zehn Prozent der Deutschen mit den höchsten Einkommen zahlen mehr als die Hälfte der Steuern.

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