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Die Folgen der Globalisierung : Wenn der Hass regiert

Zwischen der Ausbreitung von Populismus und der Zunahme von Hasskriminalität gibt es einen Zusammenhang. AfD-Politiker Björn Höcke im Februar auf einer Pegida-Veranstaltung in Dresden. Bild: EPA

Globalisierung und technischer Fortschritt sind langfristig wirkende Kräfte, die wohl noch lange den Populismus nähren werden. Seine wirtschaftspolitischen Folgen lassen nichts Gutes ahnen.

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          Wenn Hass regiert oder von Politikern propagiert wird, darf sich niemand wundern, wenn sich in einer Gesellschaft Hass ausbreitet. Vor der amerikanischen Präsidentenwahl des Jahres 2016 machten Ökonomen ein Experiment: Sie boten Amerikanern Geld an, wenn sie im Namen der Empfänger einer streng gegen Einwanderung gerichteten Organisation eine Spende zukommen lassen dürften.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Die meisten Testpersonen lehnten diesen Vorschlag empört ab. Nach der Wahl Donald Trumps wiederholten die Ökonomen das Experiment. Vor allem unter Wählern Trumps fand sich eine große Bereitschaft, die gegenüber der Einwanderung kritische Organisation nun zu unterstützen.

          Sind Menschen durch die Wahl Trumps ausländerfeindlicher geworden? Nein, schließen die Autoren. Die Ausländerfeindschaft gab es ihres Erachtens schon vorher in Teilen der amerikanischen Gesellschaft. Nur galt es vor Trumps Wahl nicht als salonfähig, sie öffentlich zu äußern. In Deutschland erklären Demoskopen das Wachstum der AfD unter anderem mit der Mobilisierung zahlreicher Wähler, die sich jenseits des Konsenses von Demokraten befinden, früher aber kein Ventil für ihre Verachtung unseres Staates gefunden hatten.

          Die Episode aus den Vereinigten Staaten findet sich in einem sehr lehrreichen Aufsatz, der die von Ökonomen in den vergangenen Jahren betriebene Populismusforschung zusammenfasst und ordnet und der in der angesehenen Fachzeitschrift „Journal of Economic Literature“ erscheinen wird. Natürlich besitzt der Populismus, der keine neue Erscheinung ist, sondern mindestens bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann, nicht nur ökonomische Ursachen. Aber er besitzt eben auch ökonomische Ursachen. Selbst das Thema Migration, das sicherlich zum Erstarken des Populismus beigetragen hat, besitzt eine ökonomische Dimension.

          Mehr Populismus führt zu mehr Hasskriminalität

          Eigen ist dem Populismus von Beginn an die Nutzung moderner Medien gewesen. Die Rolle, die heute Twitter spiele, habe früher der Volksempfänger ausgefüllt, sagte der Wirtschaftshistoriker Albert Ritschl kürzlich auf einer Veranstaltung des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Zwei Wissenschaftler haben für die Vereinigten Staaten statistische Verbindungslinien zwischen Trumps Anti-Islam-Tweets und einer Zunahme von Hasskriminalität („hate crimes“) in Landstrichen mit einer im Landesdurchschnitt hohen Verbreitung von Twitter gezeigt.

          Einen Zusammenhang zwischen der Ausbreitung von Populismus und der Zunahme von Hasskriminalität verdeutlichen auch Studien für europäische Länder wie Großbritannien und Italien. In Deutschland reagieren manche Menschen entweder mit Empörung oder gespielter Naivität auf die Vorstellung, verbale Ausfälle von Rechtspopulisten besäßen nachteilige Folgen für das gesellschaftliche Klima. Den Empörten und gespielt Naiven könnte ein Blick in die moderne sozialwissenschaftliche Forschung die Augen öffnen.

          Auch wenn der Populismus kein neues Phänomen darstellt, hat seine Bedeutung in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das gilt sehr wohl für den Linkspopulismus, aber erst recht für den Rechtspopulismus. Einen wichtigen Grund hierfür bildet fraglos die Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009, an die sich in vielen Ländern eine Rezession und in Europa die Euro-Krise anschloss. In Griechenland feierte auf der Linken Syriza große Erfolge, während auf der Rechten die Goldene Morgenröte Stimmengewinne verbuchte. Die Vereinigten Staaten wurden von der Krise weniger stark getroffen als Europa, aber unmittelbar nach der Rezession gab das wachsende Interesse für die Tea Party einen Vorgeschmack auf das, was mit Trump kommen würde. Der Bonner Ökonom Moritz Schularick hat gezeigt, wie in der Geschichte schon mehrfach vor allem der Rechtspopulismus von schweren Finanzkrisen profitiert hat, die nicht nur das Vertrauen in die Marktwirtschaft, sondern auch das Vertrauen in die etablierten Parteien erschütterten.

          Auch die Globalisierung füttert den Rechtspopulismus

          Auch die Globalisierung und der technische Fortschritt sind als Ursachen zu nennen. Ob Donald Trump, ob Marine Le Pen, ob die Lega in Italien oder die Brexit-Anhänger im Norden Englands: Sie haben Hochburgen in Regionen, die unter einer Verdrängung heimischer Industrien durch Konkurrenten aus Schwellenländern und hier nicht zuletzt aus China leiden. Die Deindustrialisierung und das Wachstum der Dienstleistungsbranche gehen nicht nur mit einem bislang schwachen Wachstum der Produktivität einher, sondern auch mit signifikanten politischen Verwerfungen.

          Eng verwandt mit dem Thema Globalisierung ist das Thema Automatisierung durch technischen Fortschritt. Auch durch die Automatisierung fallen zahlreiche ansehnlich vergütete und bisher sichere Arbeitsplätze weg. Vom Ende der neunziger Jahre bis zum Jahre 2008 gingen in der amerikanischen Industrie sechs Millionen Arbeitsplätze verloren. Nicht alle in der Industrie freigesetzten Beschäftigten finden adäquate Beschäftigungen in der Dienstleistungsbranche. Die alternative Entsendung zahlreicher Babyboomer in den Vorruhestand erzeugt nicht nur glückliche Rentner auf Kreuzfahrtpalästen, sondern auch Menschen, die sich abgeschoben fühlen. Dieses Problem lässt sich nicht nur in den Vereinigten Staaten besichtigen.

          Globalisierung und technischer Fortschritt sind langfristig wirkende Kräfte, die wohl noch lange den Populismus nähren werden. Auch die Regierungspraktiken von Populisten, darunter die Verächtlichmachung und der Versuch der Umgehung etablierter Institutionen, trägt zur politischen Dauerhaftigkeit bei, selbst wenn, wie in Ungarn, zunehmende Korruption als eine negative Begleiterscheinung unter vielen auftritt.

          Eine Mischung aus Unbekümmertheit und Provinzialität

          Die wirtschaftspolitischen Folgen des Populismus lassen nichts Gutes ahnen. Zwar finden sich heute nicht mehr viele Regierungen, die, wie früher vor allem in Lateinamerika verbreitet, innerhalb kurzer Zeit durch Hyperinflationen die Währung und die Wirtschaft ruinieren. Auch hat sich weitgehend herumgesprochen, dass umfangreiche Umverteilung zugunsten der sich benachteiligt fühlenden Bevölkerungsgruppen auf die Dauer zu hohen finanziellen Belastungen führt.

          Aber die Unbekümmertheit, mit der die multilaterale Ordnung der Weltwirtschaft beschädigt wird, und die Provinzialität, mit der urbane, häufig sehr gut ausgebildete und mobile Leistungseliten als global denkende vermeintliche Feinde des vermeintlich wahren Volkes stigmatisiert werden, lässt erahnen, dass eine nach vorne weisende, die Chancen der Freiheit, der Offenheit und der Innovationsfreude erkennende Wirtschaftspolitik nicht das Kennzeichen des Populismus werden dürfte.

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