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Die Folgen der Globalisierung : Wenn der Hass regiert

Auch wenn der Populismus kein neues Phänomen darstellt, hat seine Bedeutung in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das gilt sehr wohl für den Linkspopulismus, aber erst recht für den Rechtspopulismus. Einen wichtigen Grund hierfür bildet fraglos die Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009, an die sich in vielen Ländern eine Rezession und in Europa die Euro-Krise anschloss. In Griechenland feierte auf der Linken Syriza große Erfolge, während auf der Rechten die Goldene Morgenröte Stimmengewinne verbuchte. Die Vereinigten Staaten wurden von der Krise weniger stark getroffen als Europa, aber unmittelbar nach der Rezession gab das wachsende Interesse für die Tea Party einen Vorgeschmack auf das, was mit Trump kommen würde. Der Bonner Ökonom Moritz Schularick hat gezeigt, wie in der Geschichte schon mehrfach vor allem der Rechtspopulismus von schweren Finanzkrisen profitiert hat, die nicht nur das Vertrauen in die Marktwirtschaft, sondern auch das Vertrauen in die etablierten Parteien erschütterten.

Auch die Globalisierung füttert den Rechtspopulismus

Auch die Globalisierung und der technische Fortschritt sind als Ursachen zu nennen. Ob Donald Trump, ob Marine Le Pen, ob die Lega in Italien oder die Brexit-Anhänger im Norden Englands: Sie haben Hochburgen in Regionen, die unter einer Verdrängung heimischer Industrien durch Konkurrenten aus Schwellenländern und hier nicht zuletzt aus China leiden. Die Deindustrialisierung und das Wachstum der Dienstleistungsbranche gehen nicht nur mit einem bislang schwachen Wachstum der Produktivität einher, sondern auch mit signifikanten politischen Verwerfungen.

Eng verwandt mit dem Thema Globalisierung ist das Thema Automatisierung durch technischen Fortschritt. Auch durch die Automatisierung fallen zahlreiche ansehnlich vergütete und bisher sichere Arbeitsplätze weg. Vom Ende der neunziger Jahre bis zum Jahre 2008 gingen in der amerikanischen Industrie sechs Millionen Arbeitsplätze verloren. Nicht alle in der Industrie freigesetzten Beschäftigten finden adäquate Beschäftigungen in der Dienstleistungsbranche. Die alternative Entsendung zahlreicher Babyboomer in den Vorruhestand erzeugt nicht nur glückliche Rentner auf Kreuzfahrtpalästen, sondern auch Menschen, die sich abgeschoben fühlen. Dieses Problem lässt sich nicht nur in den Vereinigten Staaten besichtigen.

Globalisierung und technischer Fortschritt sind langfristig wirkende Kräfte, die wohl noch lange den Populismus nähren werden. Auch die Regierungspraktiken von Populisten, darunter die Verächtlichmachung und der Versuch der Umgehung etablierter Institutionen, trägt zur politischen Dauerhaftigkeit bei, selbst wenn, wie in Ungarn, zunehmende Korruption als eine negative Begleiterscheinung unter vielen auftritt.

Eine Mischung aus Unbekümmertheit und Provinzialität

Die wirtschaftspolitischen Folgen des Populismus lassen nichts Gutes ahnen. Zwar finden sich heute nicht mehr viele Regierungen, die, wie früher vor allem in Lateinamerika verbreitet, innerhalb kurzer Zeit durch Hyperinflationen die Währung und die Wirtschaft ruinieren. Auch hat sich weitgehend herumgesprochen, dass umfangreiche Umverteilung zugunsten der sich benachteiligt fühlenden Bevölkerungsgruppen auf die Dauer zu hohen finanziellen Belastungen führt.

Aber die Unbekümmertheit, mit der die multilaterale Ordnung der Weltwirtschaft beschädigt wird, und die Provinzialität, mit der urbane, häufig sehr gut ausgebildete und mobile Leistungseliten als global denkende vermeintliche Feinde des vermeintlich wahren Volkes stigmatisiert werden, lässt erahnen, dass eine nach vorne weisende, die Chancen der Freiheit, der Offenheit und der Innovationsfreude erkennende Wirtschaftspolitik nicht das Kennzeichen des Populismus werden dürfte.

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