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Amerikas Geldpolitik : Schatten der Lockerung

  • -Aktualisiert am

Gebäude der US-Notenbank in Washington: Eine Normalisierung der Geldpolitik ist erst in ein paar Jahren zu erwarten Bild: dpa

Die amerikanische Notenbank stoppt die Ankäufe von Anleihen. Wie hat dieses umstrittene Instrument gewirkt? Ist das Inflationsrisiko wirklich überschaubar?

          Die amerikanische Notenbank hat ihren Ankauf von Anleihen beendet. Ist damit auch die quantitative Lockerung der Geldpolitik ad acta gelegt? Nein. Ein Grund dafür liegt auf der Hand. Schon zwei Mal hat die Fed seit der Finanzkrise ein Ankaufprogramm eingestellt und es dann Monate später, als die Konjunktur zu kippen drohte, wieder neu aufgelegt.

          Das ist auch dieses Mal nicht ausgeschlossen, selbst wenn die Wachstumszuversicht der Geldpolitiker größer ist als in der Vergangenheit. Gerade erst sind die Wachstumsdaten für das dritte Quartal in der ersten Schätzung deutlich besser ausgefallen als erwartet und die Erholung am Arbeitsmarkt gewinnt Stabilität.

          Davon unabhängig aber lebt die quantitative Lockerung aus einem wichtigeren Grund fort und wird die Amerikaner noch für Jahre begleiten. Eingestellt hat die Fed in dieser Woche nur den Ankauf von Anleihen, mit dem sie ihr Portfolio netto vergrößerte. In der Bilanz der Notenbank stehen aber weiter für mehr als 4,2 Billionen Dollar Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere, die die langfristigen Zinsen drücken. „

          Normalisierung erst in sechs Jahren

          „QE“, wie die quantitative Lockerung abgekürzt wird, wirkt weniger durch Neukäufe als durch das Gewicht des Anlagebestands. Solange die Fed noch in großen Volumina als Investor auftritt, greift sie drastisch verzerrend in die Finanzmärkte ein. Das liegt auch daran, dass sie mit 1,7 Billionen Dollar Hypothekenpapieren den Hausmarkt gegenüber anderen Märkten bevorzugt. Erst wenn die Notenbank ihr Anlageportfolio auf ein geldpolitisches Normalmaß zurückführt, werden diese Verzerrungen und die quantitative Lockerung sich dem Ende zuneigen.

          Davon sind die Amerikaner noch weit entfernt. Die Fed will erst nach dem Beginn von Zinserhöhungen beginnen, das Anleiheportfolio durch den Verzicht auf Wiederanlage fälliger Schuldtitel zu schrumpfen. Das wird frühestens in einem Jahr der Fall sein. Ob die Fed je Wertpapiere verkaufen wird, um schneller auf Normalmaß zu finden, ist völlig offen. Die Fed-Vorsitzende Janet Yellen erwartet eine Normalisierung der Fed-Bilanz erst gegen Ende des Jahrzehnts. Bis dahin lasten der Schatten und die Risiken dieser Geldpolitik auf Amerika.

          Ist die Fed noch unabhängig?

          Die größte Gefahr ist dabei noch nicht mal wirtschaftlicher, sondern politischer Art. Geld macht sinnlich und die Verlockungen eines Jackpots von mehr als 4 Billionen Dollar können Kongressmitglieder auf sehr abwegige Gedanken bringen. Auch weil sie sich mit wissenschaftlichem Eifer unter dem früheren Vorsitzenden Ben Bernanke auf das Großexperiment der quantitativen Lockerung eingelassen hat, gefährdet die Federal Reserve so ihre Unabhängigkeit.

          Das könnte man als notwendiges Risiko in Kauf nehmen, wenn denn die quantitative Lockerung die amerikanische Wirtschaft weit vorangebracht hätte. Das zu behaupten hieße, sich auf sehr dünnes Eis zu begeben. Die erste Runde der quantitativen Lockerung von Jahresende 2008 bis August 2010 hat gemäß allen Studien und dem normalen Menschenverstand wohl noch Positives bewirkt. Das war kurz nach dem Höhepunkt der Finanzkrise, als die Geldmärkte vor Unsicherheit austrockneten und jede Liquiditätsgabe der Notenbank entspannend wirkte.

          Positive Wirkungen der beiden folgenden Runden, die in Studien weitaus schwächer ausgewiesen werden, sind indes weitgehend zweifelhaft. Sind der unterdurchschnittlich schwache Aufschwung und die jüngste Belebung am Arbeitsmarkt Ausfluss der Geldpolitik oder eine ganz normale Erholung nach einigen Krisenjahren? Ein Warnsignal für alle seriösen Ökonomen ist, dass die Banken einen Großteil der monetären Liquidität, die die Fed mit den Anleihekäufen in die Wirtschaft pumpte, noch als Überschussreserve bei der Notenbank geparkt haben.

          Einen Schwung an Krediten hat die Fed mit der quantitativen Lockerung eben nicht ausgelöst. Doch hat sie mit den immer neuen Liquiditätsgaben die Stimmung an den Finanzmärkten befeuert und zum Höhenflug beigetragen. Das kann sich noch eher als Fluch denn als Segen herausstellen.

          Spöttisch wird Kritikern der quantitativen Lockerung vorgehalten, dass die beschworenen Inflationsrisiken sich nicht materialisiert hätten. Das ist ein gänzlich dummes Argument. Die Zeitbombe der drastischen Geldgaben tickt, aber sie kann sich natürlich erst bei einer heiß laufenden Wirtschaft in Inflationsdruck entladen. Dieses Risiko steht den Amerikanern noch bevor. Kann die Fed dem ausweichen? Das wird in den kommenden Jahren die Feuerprobe für Yellen.

          Die Geschichte der Notenbank gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass sie sich rechtzeitig mit höheren Zinsen Inflationsdruck entgegenstemmen wird. Der Schatten der quantitativen Lockerung erschwert die Straffung. Technisch kann die Fed Liquidität aus dem Verkehr ziehen, in dem sie wie geplant höhere Zinsen auf die Überschussreserven zahlt. Wie lange aber lässt sich das durchhalten, wenn der Fed dann Verluste drohen? Wenn sie unter Kritik gerät, weil sie in- und ausländischen Banken Zinsen in Milliardenhöhe zahlt? Das Großexperiment der quantitativen Lockerung ist noch lange nicht abgeschlossen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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