https://www.faz.net/-gqe-6lgn1

: Die EZB verliert das Vertrauen der Bevölkerung

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise gerät auch die Europäische Zentralbank (EZB) immer mehr in die Schlagzeilen. Bei einer Krise dieses Ausmaßes ist dies unvermeidlich. Unter Finanzexperten gilt es als ausgemacht, dass die EZB erheblich zur Eindämmung der Krise beigetragen hat.

          3 Min.

          Seit dem Ausbruch der Finanzkrise gerät auch die Europäische Zentralbank (EZB) immer mehr in die Schlagzeilen. Bei einer Krise dieses Ausmaßes ist dies unvermeidlich. Unter Finanzexperten gilt es als ausgemacht, dass die EZB erheblich zur Eindämmung der Krise beigetragen hat. Aber wie beurteilt die breite Öffentlichkeit die Arbeit der EZB? Diese Frage kann nun auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage beantwortet werden, denn diesen Monat hat die Europäischen Kommission die Ergebnisse der Frühjahrsumfrage des Eurobarometers veröffentlicht. Im Rahmen dieser repräsentativen Erhebung wird die Bevölkerung in der ganzen EU unter anderem nach ihrem Vertrauen in die EZB gefragt. Warum die Kommission in Zeiten der Euro-Krise ihre Frühjahrsumfrageergebnisse erst sechs Monate später publiziert, bleibt unklar und ist schwer nachzuvollziehen.

          Die Ergebnisse dieser repräsentativen Umfrage lassen nur einen Schluss zu: Seit dem Ausbruch der Finanzkrise (2008), und insbesondere seit Ausbruch der Euro-Krise in diesem Jahr hat die EZB das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Wie kann man das Vertrauen in die EZB messen? Wir betrachten das "Nettovertrauen", also die Differenz zwischen dem Anteil der Befragten, der angibt, der EZB zu vertrauen, und denen, die angeben, der EZB nicht zu vertrauen. Die Grafik zeigt, dass bis zum Ausbruch der Krise in den Jahren 2007 und 2008 das Nettovertrauen um den Wert von ungefähr 25 Prozent schwankte. Da der Anteil der Befragten ohne Meinung relativ konstant bleibt, bedeutet dies, dass im Durchschnitt vor der Krise ungefähr die Hälfte der Befragten der EZB ihr Vertrauen aussprachen und nur ungefähr ein Viertel der EZB ausdrücklich misstrauten.

          Dies hat sich aber seit dem Ausbruch der Krise radikal geändert. Das Vertrauen ist auf Werte gesunken, die noch nie vorher beobachtet werden konnten. Bei der letzten Erhebung im Mai dieses Jahres lag das Nettovertrauen bei fast null. Das heißt also, dass der Anteil der Bürger, die der EZB trauen, fast genauso hoch ist, wie der Anteil, die ihr nicht vertrauen. Ein ähnlicher schlechter Wert wurde nur einmal im Januar und Februar 2009 erreicht, also nahe dem absoluten Tiefpunkt der Rezession.

          Da sich die Politik und die EZB jahrelang öffentlich auf den starken Rückhalt in der Bevölkerung berufen haben, sollte der Abfall des Bürgervertrauens Anlass zur Sorge geben. Die EZB beruft sich gerne darauf, dass die Inflation unter Kontrolle ist und es auch keine nennenswerten Inflationserwartungen an den Finanzmärkten gibt. Das scheint aber viele Bürger nicht mehr zu beeindrucken. Unsere ökonometrischen Analysen zu den Determinanten des Nettovertrauens in den 12 Ländern des Euro-Raums in den Jahren von 1999 bis 2009 haben ergeben, dass makroökonomische Faktoren wie Inflation, Arbeitslosigkeit und Wachstum des Bruttosozialprodukts keinen messbaren Einfluss auf den Verlauf der Kurve während der Vorkrisenjahre bis 2008 haben.

          Dagegen besteht aber ein enger Zusammenhang zwischen der Stärke des realwirtschaftlichen Abschwungs im Zuge der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 sowie dem Fall des Vertrauens. In den Ländern, in denen die Wirtschaft besonders stark eingebrochen ist, fiel das Vertrauen stärker. Umgekehrt führte auch die Erholung im Jahr 2009 dann zu einem Anstieg des Vertrauens um 15 Prozentpunkten zwischen Januar und Februar 2009 und Juni 2009. Da die Wirtschaft aber 2010 weiter an Schwung gewonnen hat, stellt sich die Frage: Warum ist das Vertrauen in die EZB nun abermals auf einen Tiefpunkt gefallen? Hier muss die Euro-Krise, die mit dem "griechischen Problem" Anfang 2010 begann, eine zentrale Rolle gespielt haben.

          Die Befragung für die Frühjahrserhebungen wird traditionell im Monat Mai durchgeführt. Das heißt folglich, dass die diesjährige Befragung gerade am Höhepunkt der Krise stattfand, die zu den dramatischen Beschlüssen des Europäischen Rats führte, einen Rettungsschirm von nominal 750 Milliarden Euro zu schaffen. Die EZB entschied sich dann, vom 9. Mai an Anleihen der Problemstaaten (vor allem Griechenland, Portugal und Irland) aufzukaufen. Dies sorgte für erhebliches Aufsehen, besonders in Deutschland, und könnte das Vertrauen in die EZB beeinflusst haben.

          Die Grafik veranschaulicht, dass im Mai 2010 das Vertrauen im Durchschnitt aller 12 Euro-Länder abstürzt. Betrachten wir aber die Entwicklung in den Ländern individuell, zeigt sich hier zum ersten Mal eine deutliche Divergenz zwischen Deutschland und den anderen großen Euro-Ländern wie Frankreich und Italien. In Deutschland sank das Nettovertrauen im Mai 2010 um 19 Prozentpunkte gegenüber Herbst 2009 und liegt damit 30 Punkte unter dem durchschnittlichen Vorkrisenniveau. In Italien und Frankreich liegt jetzt das Vertrauen "nur" ungefähr 20 Punkte unter dem Vorkrisenniveau. Interessanterweise ist die Unterstützung für den Euro und die EWU weniger gefallen als das Vertrauen in die EZB. In Deutschland zum Beispiel sank die Unterstützung für den Euro im Mai um 8 Prozentpunkte; viel weniger als die genannten 19 Prozentpunkte für die EZB. Auch die Europäische Kommission und das EU-Parlament verzeichnen wesentlich niedrigere Verluste.

          Was nun bedeutet dieser Verlust des Vertrauens in die EZB? Obwohl die formale Unabhängigkeit der EZB durch die EU-Verträge geschützt ist, sollte der Vertrauensverlust in der Bevölkerung Anlass zur Sorge geben. Erstens bestätigt dieser das ohnehin schon weitverbreitete Gefühl, dass es den europäischen Institutionen an demokratischer Legitimität mangelt. Zweitens wird eine Währungsunion, deren zentrale Institution nicht das Vertrauen der Bevölkerung genießt, über kurz oder lang mit ernsthaften politischen Problemen konfrontiert werden.

          Daniel Gros ist wissenschaftlicher Direktor, Felix Roth ist Research Fellow des unabhängigen Thinktank Centre for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel.

          Weitere Themen

          Regierung erwartet schwere Rezession Video-Seite öffnen

          Corona-Krise : Regierung erwartet schwere Rezession

          Das Bruttoinlandsprodukt könnte in diesem Jahr noch stärker schrumpfen als während der Finanzkrise 2009, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in Berlin.

          Topmeldungen

          Ein Bild aus besseren Tagen: Olaf Scholz, Christine Lagarde, Paolo Gentiloni und Bruno Le Maire Mitte Februar in Brüssel

          Ideen von Scholz und Le Maire : EU-Kompromiss zu Corona-Hilfen in Sicht

          Die Politik will den schrillen EU-Streit um Maßnahmen in der Coronakrise deeskalieren. Deutschland und Frankreich verständigen sich auf drei Schritte, die Niederlande machen ein Friedensangebot. Umstritten bleiben die Corona-Bonds.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.