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Gastbeitrag : Die Eurozone leidet unter intern verzerrten Wechselkursen

  • -Aktualisiert am

Um der Überbewertung des griechischen Euros entgegenzuwirken, muss das angeschlagene Land austreten und die Drachme wieder einführen, sagt der Ökonom Wolf Schäfer. Bild: dpa

In den intern verzerrten Wechselkursen in der Eurozone sehen Ökonomen wie Wolf Schäfer den Grund für die makroökonomischen Ungleichgewichte. Seine Lösung: Griechenland muss aus der Eurozone austreten und die Drachme wieder einführen.

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          Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss, der für dieses Jahr mit vom Ifo-Institut geschätzten rund 160 Milliarden Euro einem neuen Rekordwert zusteuert, entfacht wieder die internationale Kritik an „makroökonomischen Ungleichgewichten“. Vor allem die Euro-Krisenländer, aber auch die Vereinigten Staaten argumentieren, dass das „Geschäftsmodell“ Deutschlands zu exportlastig und zu lohnrestriktiv ausgerichtet sei und als économie dominante in Europa den Krisenländern der Eurozone deren Defizite im Außenwirtschaftsverkehr geradezu aufzwinge und diese damit schädige.

          Diese Diskussion über die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone ist grundsätzlich sinnvoll, aber sie sollte den „Schurken im Stück“ nicht einseitig einem „schädlichen deutschen Geschäftsmodell“ zuordnen. Denn erstens gibt es ein solches gar nicht, weil die Außenhandelstransaktionen und damit die Salden im Außenwirtschaftsverkehr, wie in jeder Marktwirtschaft, das Ergebnis von Millionen von eigenständig disponierenden Produzenten, Konsumenten und Investoren im In- und Ausland sind und nicht von planwirtschaftlichen Anweisungen deutscher Behörden.

          Griechischer Euro stark überbewertet, deutscher Euro stark unterbewertet

          Und zweitens haben die Außenhandelsungleichgewichte in der Eurozone im Wesentlichen etwas mit den ihnen zugrunde liegenden Verzerrungen der Wechselkursrelationen zu tun. Aufgrund der sich unterschiedlich entwickelnden Wettbewerbsfähigkeiten haben sich die realen Wechselkurse zwischen den Eurostaaten auseinander entwickelt. Hier liegt eines der entscheidenden Probleme: Für die Defizitländer ist der Euro zu hoch und für die Überschussländer zu niedrig bewertet.

          Nehmen wir als krassestes Beispiel die Länder Griechenland und Deutschland. Griechenland hat einen Abwertungsbedarf von wahrscheinlich 40 bis 50 Prozent, der „griechische Euro“ ist also stark überbewertet. Dagegen ist der „deutsche Euro“ signifikant unterbewertet, wahrscheinlich um 15 bis 20 Prozent, das heißt, Deutschland hat einen solchen Aufwertungsbedarf. Alle anderen Eurostaaten liegen dazwischen: Malta, Portugal, Spanien und Zypern müssten um etwa 18 bis 22 Prozent abwerten, Slowenien, Slowakei und Italien um rund 10 bis 15 Prozent, Frankreich und Irland um etwa 5 bis 10 Prozent. Aufwertungsbedarf haben Belgien um etwa 6 bis 8 Prozent und Estland, Finnland, Luxemburg, die Niederlande und Österreich um 10 bis 12 Prozent.

          Überbewertung wirkt wie Bremse für Exporte und Subventionierung für Importe

          Die Eurozone ist mithin ein Währungsgebiet intern verzerrter Wechselkurse. Hier liegt die entscheidende Basis für die Erklärung nicht nur der auseinanderdriftenden Leistungsbilanzsalden, sondern auch anderer allokativer Fehlentwicklungen im Eurowährungsgebiet. Denn jede Überbewertung einer Währung wirkt wie eine Bremse für Exporte und eine implizite Subventionierung aller Importe mit der Folge, dass das Land zu wenig exportiert und zu viel importiert, also einen überhöhten Importüberschuss aufweist. Sie bewirkt, dass die Produktionsstruktur des Landes verzerrt wird: Der Export- und der Importsubstitutionssektor sind unterentwickelt, der Importsektor ist überdimensioniert.

          Die Unterbewertung einer Währung ist entsprechend spiegelbildlich verzerrend wirksam: implizite Subventionierung der heimischen Exportproduktion mit der Folge eines überdimensionierten Exportsektors, in dem auch marginale Anbieter bestehen können, die bei gleichgewichtiger Währungsbewertung als unrentabel ausscheiden müssten; und zugleich eine Subventionierung der ausländischen Abnehmer sowie eine Barriere für die Importe mit der Folge überhöhter Außenhandelsüberschüsse, die indizieren, dass die deutsche Gesellschaft weniger Nationalprodukt verwendet, als sie erstellt, also entsprechend Kapital exportiert. Dies ist die gegenwärtige Situation Deutschlands, die in der Eurozone so starke Kritik auslöst.

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