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Frankfurter Buchmesse 1564 : Die Entdeckung des Egoismus

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Selbst in der deutschsprachigen Forschung weitgehend vergessen

Fronspergers Analyse erinnert frappierend an die Argumentation von Adam Smith, der 1776 im „Wohlstand der Nationen“, also mehr als zweihundert Jahre später, mit eben diesem Argument das Entstehen von Wohlfahrtseffekten aus eigennützigem Handeln beschreibt. Die Beschreibung der sozialen Beziehungen des Menschen, die vom Eigennutz angetrieben sind, erinnert auch an die „Bienenfabel“ des Bernard Mandeville, der 1705, also rund 150 Jahre nach Fronsperger, darin eine rein vom Eigennutz getriebene Gesellschaft beschreibt, die deswegen nicht auf eine stabile gesellschaftliche Ordnung zum allgemeinen Nutzen verzichten muss. Es ist allerdings äußerst unwahrscheinlich, dass Smith oder Mandeville die Werke Fronspergeres kannten.

Eine weiterreichende Rezeption des Buchs „Von dem Lob deß Eigen Nutzens“ ist nicht bekannt, auch eine Übersetzung ins Englische nicht, weswegen Fronsperger bis heute selbst in der deutschsprachigen Forschung weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Dies ist wohl auch der Zeit geschuldet, in der Fronsperger sein Werk veröffentlichte. Diese Phase der wirtschaftlichen Prosperität mündete nämlich in eine Ära tiefgreifender religiöser und politischer Konflikte, die eine offene Debatte über neue Konzeptionen gesellschaftlicher Analyse fraglos behinderte. Und die theologische Debatte mündete in die Bildung zweier Lager, die sich jeweils zunehmend dogmatisch gegenüberstanden. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Frankfurter Buchmesse, die unter dem Einfluss der kaiserlichen Bücherkommission zunehmend unattraktiv für die Verbreitung protestantischer Schriften wurde. Protestantische Autoren wichen auf die Buchmesse in Leipzig aus, die zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung gewann und Frankfurt bei der Anzahl der deutschsprachigen Veröffentlichungen schon 1616 überholt hatte.

Dann kam der Krieg

Der sich vertiefende religiöse Streit war ein Grund dafür, dass der offene philosophische und politische Diskurs der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts sich im deutschen Sprachraum nicht frei entfalten konnte. Und das Blutbad des Dreißigjährigen Krieges setzte sowohl dem humanistischen Diskurs als auch der ökonomischen Entwicklung des Deutschen Reiches ein nachhaltiges Ende. Von den Wunden, den dieser auf deutschen Boden ausgetragene europäische Krieg schlug, konnte sich das Reich sowohl ökonomisch als auch in der intellektuellen Analyse wirtschaftlicher Aktivitäten lange Zeit nicht erholen.

Kapitalistische Produktionsstrukturen wurden in anderen Regionen Europas mit Erfolg entwickelt, die flankierende ideengeschichtliche Analyse wurde in Großbritannien weitergeführt. Max Weber schrieb daher 1905 den Durchbruch des „Geistes des Kapitalismus“ vor allem dem Wirken protestatisch-calvinistischer Sekten im nordwestlichen Europa zu. Die These wurde unter anderem von Albert O. Hirschman kritisiert, der 1987 in „Leidenschaften und Interessen“ darauf hinwies, dass sich die moralische Umdeutung des Eigennutzes von einer Sünde im mittelalterlichen Denken zu einem Instrument der Beförderung des allgemeinen Wohlstands sehr viel komplexer und eben auch in den lutheranischen und sogar katholischen Gebieten Europas vollzog. Fronspergers Schrift von 1564 ist dafür ein hervorragendes Beispiel – eines, das den Gedanken von einer positiven Wirkung des eigennützigen Handels detailliert entwickelte und über die Frankfurter Buchmesse den neuen „Geist des Kapitalismus“ im Heiligen Römischen Reich zu verbreiten suchte.

Die Autoren

Rainer Klump und Lars Pilz sind Wirtschaftswissenschaftler an der Frankfurter Goethe-Universität.

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