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Frankfurter Buchmesse 1564 : Die Entdeckung des Egoismus

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So druckte Feyerabend eine Reihe beliebter Werke, unter anderem Luthers Bibelübersetzung, ohne Lizenz, wofür er einige Tage von der Stadt Frankfurt eingekerkert wurde. Ebenso schnell wie der Aufbau des Druckimperiums erfolgte auch der Niedergang. Schon 1583 war Feyerabend nicht mehr in der Lage, seine Steuerschuld gegenüber der Stadt zu begleichen und musste seinen Besitz verpfänden. Fronspergers Werke, die fast ausschließlich von Feyerabend verlegt wurden, scheinen beim Publikum nicht erfolgreich genug gewesen zu sein, um diese Entwicklung aufzuhalten.

Die besondere Leistung Fronspergers besteht in seiner Analyse der Auswirkungen des individuell eigennutzgetriebenen Handels auf das menschliche Zusammenleben und die wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft. Er beschreibt die menschlichen Beziehungen so, wie er sie in Ulm und anderen süddeutschen Handelsstädten, aber auch im Umfeld der Frankfurter Messe und nicht zuletzt in den Verhandlungen mit seinem eigenen Verleger erlebt haben dürfte. Er stellt sich gegen die moralische Forderung der Theologen, dass der Mensch sein Handeln immer nur am „Gemeinnutz“ orientieren sollte, mit der These, dass dieser „Gemeinnutz“ nur schwer zu definieren sei.

Eigennutz stehe hinter Ehe und Freundschaft

Im Alltag könne man doch klar beobachten, dass die Verfolgung des individuellen Eigennutzens zu gesellschaftlich und ökonomisch durchaus positiven Ergebnissen führt. So beschreibt er eigennützige Motive bei der Begründung von Ehen und Freundschaften, die zur Stabilität zwischenmenschlicher Beziehungen beitragen. Noch eindrucksvoller hebt Fronsperger das Wirken des am Eigennutz orientierten Handels in der Wirtschaft hervor, das zu einem Anstieg des allgemeinen Wohlstands führt. Beispielsweise bebaue der Bauer sein Feld ausschließlich um seines eigenen Vorteils willen, der Kaufmann bestreite den risikobehafteten Fernhandel ebenso nicht aus dem Antrieb heraus, die Menschen mit exotischen Produkten zu versorgen, sondern aus dem Kalkül, seine Waren mit einem Gewinn an den Kunden zu verkaufen, der den eigenen Aufwand und das eigene Risiko rechtfertigt.

„Deßgleichen helt es sich auch mit Kauffleuten unnd Handwerckern / Denn welcher Kauffmann ist je ober Meer gefahren / hat sein Leib und Leben gewagt / daß er Specerey oder andere Kauffmannschafft so den Menschen nicht allein zu der Speiß / sondern auch zur gesundheit höchlich dienet / auß India herüber brechte / gemeinem nutz zu gut / wenn in nicht Eigner nutz oder geitz darzu reitzte.

Welcher Handwercksmann hat je begert zu arbeiten / gemeinem nutz zu gutem / oder auß liebe desselben / wenn in nicht entweders mangel oder gebrechen der Narung / oder aber der Geitz so ni zu ersettigen ist / darzu gebracht hette.“

Die Orientierung am Eigennutz führt Menschen dazu, durch Arbeitsteilung die Produktivität zu erhöhen, indem jeder dem Geschäft nachgeht, das er am besten beherrscht. Gleiches gilt nach Fronsperger auch im zwischenstaatlichen Verkehr, wo der internationale Handel dazu führt, dass Staaten ihre Produkte zum gegenseitigen Nutzen miteinander austauschen. Die daraus entstehenden Abhängigkeiten führen zu einer allgemein anerkannten Ordnung, nach der sich die wirtschaftliche Kooperation und der Wettbewerb zwischen Individuen und zwischen Staaten richtet und deren allseitige Einhaltung zu größerer Effizienz und steigendem Wohlstand führt.

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