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Frankfurter Buchmesse 1564 : Die Entdeckung des Egoismus

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Die Gefahr, die von dieser neuen Informationstechnologie für die Stabilität der weltlichen und geistlichen Ordnung ausging, wurde durch den Kaiser und die Kirche früh erkannt. Der Mainzer Kurfürst Erzbischof und Reichskanzler Berthold von Henneberg erließ 1485 ein Edikt, in dem er die Zensur der in Frankfurt gehandelten Druckwerke anordnete. Ab 1567 setzte der Kaiser einen Bücherkommissar und ab 1569 eine Bücherkommission ein, die dem Mainzer Kurfürsten unterstand und die Zensur zunehmend zu Lasten protestantischer Schriften ausübte. Vorher hielt die Zensur allerdings die Vereinbarungen im Rahmen des Augsburger Religionsfriedens ein. Hetz- und Schmähschriften gegen die jeweils andere Konfession wurden verboten. Schriften, die sich theologisch ernsthaft mit dem jeweils anderen Glauben auseinandersetzten, waren erlaubt.

Verzeichnet im allerersten Messekatalog

In diese Zeit fiel auch die Veröffentlichung des Buches „Von dem Lob deß Eigen Nutzen“ von Leonhard Fronsperger aus Ulm, der als Militärexperte, später vor allem als Autor einer großen Schrift zur Kriegskunst Bekanntheit erlangte. Fronspergers Buch über den Eigennutz ist im allerersten Frankfurter Messekatalog verzeichnet, den der Augsburger Buchhändler Georg Willer 1564 anlässlich der Frankfurter Herbstmesse veröffentlichte. Der Katalog war einerseits eine bedeutende – und bis heute erfolgreiche – Innovation für Werbung und Verkauf, konnte der Kunde sich doch nun leicht einen Überblick über die am Markt befindlichen Produkte verschaffen und gezielt Bücher nachfragen. Zum anderen erfüllte der Katalog aber auch eine wichtige Rolle für die Zensur, ließ sich doch anhand des Kataloges leichter kontrollieren, ob auch wirklich alle angebotenen Bücher durch die Zensur „privilegiert“ waren.

Fronspergers Werk findet sich unter der Rubrik „Deutsche Buecher in heiliger Schrifft / der Protestierenden Theologen“, was aufgrund des Inhalts verwundert, hätte man es doch ebenso in die Rubriken Philosophie, Recht oder aber auch „Mancherley Bücher“ einordnen können. Ebenso wie Brants „Narrenschiff“ oder das 1534 auf Deutsch erschienene „Lob der Torheit“ des Erasmus von Rotterdam ist „Von dem Lob deß Eigen Nutzen“ kein theologisches Werk, sondern ein satirisches Enkomium, also ein Lobgedicht, in dem der Eigennutz selbst zu den Lesern spricht. Die Einordnung unter die theologischen Bücher und nicht unter die politischen Schriften erklärt aber vielleicht, warum Fronspergers zwar theologisch wenig innovative, aber politisch-gesellschaftlich revolutionäre Thesen nicht Opfer der Zensur wurden.

Verleger ging pleite

In Sigmund Feyerabend fand Fronsperger einen Verleger, der zu den geschäftstüchtigsten Unternehmern in Frankfurt zählte. Feyerabend gründete 1562 gemeinsam mit anderen Verlegern die „Companei“, mit der er den Buchdruck in Frankfurt weitestgehend beherrschte. Er war es, der die Druckschrift Fraktur im ganzen Reich populär machte. Außerdem war Feyerabend ein wichtiger Förderer der Messe, ein Medaillon am 1840 entstandenen Gutenberg-Denkmal auf dem Frankfurter Roßmarkt erinnert bis heute an ihn. Sein Erfolg basierte auf der Zusammenarbeit mit hervorragenden Grafikern, war aber auch Ergebnis eines teilweise skrupellosen Geschäftsgebarens.

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